Das Fußball-Geschäft ist nach wie vor kein Wunschkonzert, das wurde Fredi Bobic (38) gleich an seinem ersten Arbeitstag wieder bewusst. Einerseits würde der neue Sportdirektor des VfB Stuttgart und frühere Bundesligastürmer gern mit dem von Real Madrid umworbenen Sami Khedira verlängern. Andererseits weiß Bobic, dass der Nationalspieler 2011 ablösefrei wechseln könnte. „Und das“, sagt Bobic, „wäre für ein Unternehmen wie den VfB nicht gut.“
In den kommenden Tagen soll eine Entscheidung fallen. Es wäre Bobic’ erste große Amtshandlung auf einem Terrain, in dem immer mehr junge Nachwuchskräfte Einzug halten. Vor dem VfB hatten bereits Hoffenheim mit Ernst Tanner (43) und der HSV mit Bastian Reinhardt (34) junge – und insbesondere unerfahrene Kräfte als Sportdirektoren installiert.
Damit setzt sich ein Trend fort, der nach Verpflichtungen wie der von Christian Nerlinger (36, FC Bayern), Max Eberl (36, Mönchengladbach) oder Martin Bader (42, Nürnberg) zunehmend zu beobachten ist. Der Generationswechsel hat jedoch nicht nur altersbedingte Ursachen. Die Vereine suchen vielmehr ganz bewusst nach Personen, die erst seit kurzem im Geschäft sind. Oft liegt diese Personalauswahl an den Trainern. Sie reklamieren mehr Macht für sich als das in der Vergangenheit noch der Fall war.
Das beste Beispiel dafür lieferte Felix Magath (57), als er 2007 nach Wolfsburg ging. Dort fungierte er für zwei Jahre als Geschäftsführer, Manager und Trainer in Personalunion, ehe er zu Schalke wechselte. Dort übernahm er das Modell, bis er sich im Juli Horst Heldt (40) aus Stuttgart holte. Heldt ist zwar Sportvorstand, aber Magath der starke Mann und Chef. Der Manager wird zum entbehrlichen Instrument.
Das Aussterben dieser Spezies hat 2004 begonnen, als Reiner Calmund (61) nach über 25 Jahren bei Bayer Leverkusen das Handtuch warf – wenn auch nicht ganz freiwillig. Calmund war das Gesicht bei Bayer und das Zentrum der Macht. Heute steht Rudi Völler für diesen Klub, aber die Verantwortung ist inzwischen auf mehrere Schultern verteilt. Neben Calmund zählte auch Rudi Assauer (66) zum Inventar der Branche. Er war zwölf Jahre lang Hauptdarsteller der „One-Man-Show“ bei Schalke, ehe er 2006 seinen Rücktritt erklärte.
Manager vom alten Schlag gibt es in der Bundesliga nur noch wenige. Nach dem Rückzug von Uli Hoeneß (58), der Ende 2009 in München den Stab an Nerlinger übergab und nun Präsident ist, gehören Heribert Bruchhagen (61, Frankfurt), Klaus Allofs (53, Bremen) und Michael Meier (60, Köln) dazu. Seit Januar ist auch Dieter Hoeneß (57) wieder mit von der Partie. 2009 war er von Hertha BSC kompromittiert und vom Hof gejagt worden, ehe sich der VfL Wolfsburg seiner Dienste annahm und ihn zum Geschäftsführer und Manager berief.
Michael Preetz, 42, der Hoeneß in Berlin beerbt hat, durfte als Newcomer in der Branche dann aber gleich in seinem ersten Jahr erfahren, wie hart das Geschäft doch sein kann. Mit Preetz an der Spitze stieg Hertha nach 13 Jahren aus der Bundesliga ab. Es sei zwar unfair, den Abstieg an Preetz festzumachen, sagt Reiner Calmund, „aber vielleicht ist die Zweite Liga genau das Stahlbad, durch das er mal gehen muss und das ihn vielleicht zu einem starken Manager reifen lässt.“ Jeder Große in der Branche, ergänzt Calmund, hätte „schon mal Dreck gefressen“.
Ob Reinhardt das auch noch bevorsteht, wird sich zeigen. Nach einer abenteuerlichen Suche wurde der frühere Verteidiger im Juni beim HSV präsentiert. Kritiker frotzelten, der ehemalige Spieler und Praktikant der Presseabteilung sei nur berufen worden, weil er zufällig auf der Geschäftsstelle war. Reinhardt hatte schon bei seiner Präsentation angedeutet, dass er sich eher als Mittler zwischen Spielern, Trainer und Vorstand sieht. Er bekannte, selbst verblüfft gewesen zu sein, als ihm die Aufgabe angetragen wurde: „Aber wenn sich eine Chance ergibt, muss man zuschlagen.“ Allerdings, die Regie bei den großen Sommertransfers führte nicht er sondern Bernd Hoffmann. Und auch das Talent Lennard Sowah (17, kam aus Portsmouth) wurde auf Initiative von Urs Siegenthaler geholt, der beim HSV den Titel Sportlicher Leiter trägt.
Die Personalie Reinhardt zeigt, dass sich die jungen Manager ihre Sporen erst verdienen müssen. Wenn sie denn an der Seite starker Trainer und Vorstände dazu kommen. Schwierig wird es, wenn sich Trainer und Manager nicht grün sind. So wie jüngst in Hoffenheim. Dort gewann Trainer Ralf Rangnick den Machtkampf mit Jan Schindelmeiser. Der Manager (Vertrag bis 2014) musste gehen. Installiert wurde auf Geheiß von Rangnick Ernst Tanner, ein Branchenfrischling, der zuletzt Jugendkoordinator bei 1860 München war.
Heribert Bruchhagen ist das genaue Gegenteil. Der Vorstandschef und Manager von Eintracht Frankfurt hält Hoffenheims Ex-Manager Schindelmeiser für „extrem kompetent“ und es für vorstellbar, dass sich einige Trainer „lieber einen Rookie als Sportchef holen, um ihre Vorstellungen durchsetzen zu können, als auf einen alten Fuhrmann zu setzen, dem man nicht mehr so schnell etwas vormachen oder nach seiner Pfeife tanzen lassen kann.“
Stuttgarts Bobic hat jedenfalls schon durchblicken lassen, wie er die künftige Transferpolitik mit dem Verein abstecken wolle: „Boxhandschuhe werde ich keine anziehen.“





