Wenn der Bundestrainer einen neuen Vertrag unterschreibt, darf eine Meinung nicht fehlen: die von Franz Beckenbauer. Im Interview äußerst sich Ehrenpräsident des FC Bayern über die Zukunft der Nationalmannschaft, die Kapitänsfrage und zur Frage, ob Theo Zwanziger DFB-Präsident bleiben wird.

Morgenpost Online: Herr Beckenbauer, begrüßen Sie die Vertragsverlängerung von Joachim Löw?

Franz Beckenbauer: Aber ja. Joachim Löw hat diese Mannschaft aufgebaut und einen hervorragenden Job gemacht. Das Team ist jetzt Dritter bei der WM geworden, also ist noch etwas Luft nach oben. Die Mission des Bundestrainers ist erst dann vollendet, wenn ein Titel erreicht wird. Entweder 2012 bei der EM oder eben 2014 bei der WM in Brasilien.

Morgenpost Online: Im Februar gab es noch den großen Streit um die Verlängerung in der DFB-Spitze.

Beckenbauer: Damals hat sich das Trainerteam in den Verhandlungen vertreten lassen von Oliver Bierhoff. Und der ist mit seinen Forderungen schon etwas über das Ziel hinausgeschossen. Das war für mich damals eine Art feindliche Übernahme. Es geht doch nicht an, dass der Teammanager entscheidet, wer Bundestrainer wird. Dafür ist immer noch der Präsident zuständig. Entsprechend groß war der Groll von Theo Zwanziger. Aber mittlerweile ist der Zorn wieder verraucht. Oliver Bierhoff hat aus seinem Fehler gelernt. Und er ist ja auch ein sehr guter Mann. Gut, dass er auch weiter macht.

Morgenpost Online: Auch Matthias Sammer bleibt als Sportdirektor an Bord und erhält zusätzlich die administrative Zuständigkeit für die U21.

Beckenbauer: Ein ganz wichtiger Schritt. Matthias ist der Garant für die erstklassige Nachwuchsarbeit. Schauen Sie sich doch nur die Liste der Erfolge der DFB-Nachwuchs-Mannschaften an. Die hat es früher nicht gegeben. Deshalb ist es nur logisch, dass man ihm auch die Verantwortung für die U21 gibt.

Morgenpost Online: In die allgemeine Euphorie über die Nationalmannschaft mischt sich auch Kritik. Vor allem Bayern-Trainers Louis van Gaal klagt über eine unzureichende Vorbereitung angesichts der vielen WM-Teilnehmer des Klubs.

Beckenbauer: Dieses Problem haben wir beim FC Bayern doch seit Jahrzehnten. Wir sind nun mal ein Verein, der besonders viele Nationalspieler stellt.

Morgenpost Online: Sein Zorn gilt besonders dem Länderspiel gegen Dänemark noch vor dem Bundesliga-Start.

Beckenbauer: Da muss ich dem Louis völlig Recht geben. Da stecken die Vereine doch mitten in der Vorbereitung. Möglicherweise spielt dann nur die zweite Garnitur, was wiederum die Zuschauer verärgert. Ein solcher Termin macht überhaupt keinen Sinn.

Morgenpost Online: Für Zündstoff sorgt auch der Konflikt zwischen Philipp Lahm und Michael Ballack um das Kapitänsamt. Wird dies die Stimmung im Team negativ beeinflussen?

Beckenbauer: Das glaube ich nicht. Der Philipp ist auch ein Filou. Der sagt sich, das mit der Kapitänsbinde gefällt mir, die gebe ich so schnell nicht wieder her. Dann wird das sofort bierernst weitergegeben. Und dann sagt der Michael Ballack: „Moment, ich bin immer noch der Kapitän.“ Das darf man alles nicht überbewerten. Unglücklich war nur der Zeitpunkt mitten in der Vorbereitung auf das Spiel gegen Spanien. Aber klar ist doch, dass der Michael der Kapitän ist und bleibt, wenn er wieder spielt.

Morgenpost Online: Genau das ist ja die spannende Frage. Schafft er den Weg zurück?

Beckenbauer: Von solchen Ratschlägen halte ich gar nichts. Michael ist der Kapitän, er allein entscheidet. Und er hat den Ehrgeiz in Leverkusen noch mal durchzustarten. Das eher familiäre Umfeld in Leverkusen kann ihm dabei zu gute kommen. Entscheidend ist natürlich, dass er verletzungsfrei bleibt.

Morgenpost Online: Rücktritt ist ein gutes Stichwort. Derzeit scheint ja der Rücktrittsvirus von der Politik auf den Sport überzuspringen.

Beckenbauer: Ja, auch Uli Hoeneß hat ja jetzt kurzfristig seine Kandidatur für das Amt des DFL-Präsidenten zurückgezogen. Aber ich habe das alles nur gelesen. Ich weiß nicht, welche Gründe Uli bewogen haben, eine solche Kandidatur überhaupt zu erwägen.

Morgenpost Online: Was ist mit DFB-Präsident Theo Zwanziger? Der sehnt sich nach einem „Rückzug ins Private“.

Beckenbauer: Ich kann den Theo verstehen. Die Weltmeisterschaft ist nicht nur für die Trainer und Spieler sehr anstrengend, sondern auch für die Verantwortlichen. Theo hat in Südafrika sehr viel Energie gelassen. Aber er wird schon weiter machen. Er ist ja auch ein sehr guter Präsident.

Morgenpost Online: Verstehen Sie Politiker wie Ole von Beust, die ihren Rückzug erklären.

Beckenbauer: Kaum etwas ist schwieriger als der richtige Zeitpunkt des Rücktritts. Den wenigsten gelingt es rechtzeitig loszulassen. Viele bleiben viel zu lange auf ihren Sesseln kleben.