Wir treten Franz Beckenbauer und Uwe Seeler wahrscheinlich nicht zu nahe, wenn wir vermuten, dass die beiden älteren Herren im Internet keinen Facebook- oder Studi-VZ-Account haben. Wenn aber doch, könnten sie etlichen neuen Gruppen in den sozialen Netzwerken vorbehaltlos beitreten. Sie heißen „Kuranyi muss nach Südafrika“, „Kuranyi für Deutschland“ oder „Ein Herz für Kuranyi“.
Dieser Tage tut Fußball-Deutschland wieder einmal, was es im Vorfeld von Weltmeisterschaften am allerliebsten tut: Bundestrainer spielen. Wie vor fast jedem großen Turnier ist eine Debatte darüber entbrannt, ob ein bestimmter Spieler mit zur WM muss oder eben nicht. 1998 war es Lothar Matthäus, 2002 Martin Max, 2006 Mehmet Scholl, diesmal nun Kevin Kuranyi.
Eines unterscheidet Kuranyi jedoch von seinen Vorgängern. Diesmal wird die Debatte nicht sonderlich kontrovers geführt, das Land mit seinen Millionen Bundestrainern ist sich einig, dass der Schalker aufgrund seiner 17 Saisontore in das WM-Aufgebot gehört.
„Der aktuell beste Torjäger muss mit zur WM“, sagt zum Beispiel Beckenbauer, „Kuranyi hat eine zweite Chance verdient“, findet Seeler. Einer denkt allerdings anders. Und der ist – sehr zum Leidwesen Kuranyis – der echte Bundestrainer.
Joachim Löw ist nicht bereit, dem Schalker Angreifer zu verzeihen, dass sich dieser im Oktober 2008 unerlaubt von der Mannschaft entfernt hat. Der Appendix „noch nicht“ sei angefügt. Denn das Trommelfeuer in Richtung Löw wird in diesen Tagen, in denen Kuranyi an die Spitze der Torjägerliste und Schalke auf Platz eins der Tabelle geklettert ist, immer heftiger.
„Kuranyi ist zweifelsohne herausragend und hat sich außerdem für seinen Verstoß entschuldigt“, sagt Seeler: „Die beiden sollten sich aussprechen. Es geht schließlich um die Interessen der deutschen Nationalmannschaft, nicht um persönliche.“ Diese Meinung ist mehrheitsfähig, wie eine kleine Presseschau beweist. Kommentatoren von „Bild“, Morgenpost Online, „Kicker“, „FAZ“ oder „Sportbild“ schlugen sich in den vergangenen Tagen einhellig auf die Seite des Angreifers. Tenor: Löw dürfe Persönliches nicht über das von ihm selbst propagierte Leistungsprinzip stellen.
Und auch die Stimmung des Volkes scheint eine ähnliche zu sein. In vielen Umfragen sprechen sich die Fußballanhänger für Kuranyis WM-Teilnahme aus. Auch auf Morgenpost Online wurde diese Meinung sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Die Fragen, welche Angreifer Löw mit nach Südafrika nehmen solle, beantworteten bis gestern Nachmittag über 5500 User. Kevin Kuranyi rangierte an Platz eins. Es folgten Stefan Kießling, Mario Gomez, Cacau, Miroslav Klose und auf dem letzten Platz Lukas Podolski.
Diese Reihenfolge spiegelt genau die Anzahl der von den Stürmern in dieser Saison geschossenen Tore wieder. Und aus rein sportlichen Gesichtspunkten dürfte an Kuranyi tatsächlich kein Weg vorbei führen, zumal seine Position Woche für Woche durch die Schwäche der Konkurrenz gestärkt wird. „Wenn Spieler wie Klose und Podolski trotz nur zweier Saisontore für die WM gesetzt sind, wird mir angst und bange“, sagt etwas der langjährige Nationalstürmer Klaus Fischer. Er könne sich nicht vorstellen, „dass uns Spieler zum WM-Titel schießen, die in der ganzen Saison kaum ins Tor getroffen haben“. Gleicher Meinung ist der ehemalige DDR-Nationalspieler Jürgen Sparwasser: „Wer zur WM fährt, der sollte das stärkste Aufgebot mitnehmen. Kuranyi gehört dazu.“
Nun geht es in der Kuranyi-Debatte aber nicht nur um den Sport, und das macht die Sache so kompliziert. Löw hat den Fall in den Stand einer Prinzipienentscheidung erhoben. Er fürchtet einerseits einen Gesichtsverlust, wenn er sie zurücknimmt, andererseits will er keinen Nährboden für weitere Debatten schaffen. Wenn Kuranyi wieder mitspielen darf, rechnet sich als nächster vielleicht der Bremer Torsten Frings Chancen auf eine Rückkehr aus.
Nun gibt es aber auch Stimmen, die Löw eine Doppelmoral vorwerfen. Er habe bei seinen Spielern mit zweierlei Maß gemessen, als er Kuranyi für immer verbannte, im Gegenzug Podolski aber im Kader beließ, obwohl dieser öffentlich Kapitän Michael Ballack geohrfeigt hatte. „Dabei war dieses Vergehen das Schlimmere“, sagt Fredi Bobic, der ehemalige Nationalstürmer. Die Entscheidung zuungunsten Kuranyis sei damals dennoch die richtige gewesen, aber eben nicht in ihrer Endgültigkeit: „Man muss sich immer eine Tür auflassen.“
Dies haben Löw einige Bundestrainer vorgemacht. So holte Berti Vogts für die WM 1998 Lothar Matthäus nach dreijähriger Abstinenz in die Nationalmannschaft zurück, nachdem dieser für den FC Bayern eine überragende Saison als Libero absolviert hatte.
Auch Matthäus setzt sich heute für Kuranyis Rückkehr ein. „Joachim Löw würde sich keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn er wieder auf Kevin Kuranyi zurückgreift“, sagt der Rekordnationalspieler (150 Einsätze für Deutschland). Die Beteiligten seien intelligent genug, dass sie wüssten, wie sie miteinander zu reden hätten. Einen Autoritätsverlust von Löw sehe Matthäus im Falle eines Umdenkens ohnehin nicht: „Vogts hat damals auch nicht sein Gesicht verloren, als er mich wieder geholt hat. Es hat absolut funktioniert.“
Öffentlich schweigt Löw im Moment zum Thema Kuranyi, intern diskutiert er es aber mit seinem Stab. Am Montag hat sich der Bundestrainer mit der sportlichen Leitung in München zu einer dreitägigen Klausur in Hinblick auf die Weltmeisterschaft in Südafrika getroffen, am Dienstag werden sie gemeinsam das Champions-League-Spiel der Bayern gegen Manchester United besuchen.
Geht es nach Christoph Daum, sollte Löw auch nach der Konferenz keine Entwicklungen bezüglich Kuranyi kommunizieren. Der Trainer von Fenerbahce Istanbul sagt: „Ich finde, der Bundestrainer soll sich die nötige Zeit nehmen, sich jetzt dazu nicht äußern und irgendwann seine Entscheidung treffen.“ Es sei zudem wichtig, sich nicht von außen treiben zu lassen, dazu sei die Angelegenheit zu knifflig.
Eile ist tatsächlich nicht geboten. Die Nominierung des WM-Kaders und das nächste Länderspiel sind erst nach Beendigung der Meisterschaft angesetzt, so dass Löw in seine Entscheidung noch Formschwankungen oder Verletzungen an den finalen Spieltagen einfließen lassen kann. Die Frage ist nur, ob er sich dem öffentlichen Druck tatsächlich solange entziehen kann.
Mitarbeit: Patrick Krull und Lars Gartenschläger





