Der Häuptling wollte nichts verpassen. Eine volle Stunde vor dem Spiel betrat ein recht beleibter Herr die Halle, auf dem Kopf trug er einen riesigen Indianerhäuptlingsschmuck, in der Hand eine deutsche Fahne. Sofort fingen drei dänische Fans an, Rabatz zu machen. Der Häuptling blieb ruhig und tat nichts. Er gab sogar den Häuptlingsschmuck an die freiwilligen Helfer weiter, die sich flugs fotografieren ließen.

Zweieinhalb Stunden später triumphierten die dänischen Fans im Olympic Sport Center Gymnasium von Peking. Sie hatten das ganze Spiel über die Halle mit Schlachtrufen beherrscht, eine Minute vor Ende des Spiels, sangen sie höhnisch „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei“. Der deutsche Häuptling blieb stumm.


Deutschland unterlag im letzten Spiel der Gruppenphase gegen Dänemark 21:27 und scheidet damit aus dem olympischen Turnier aus. 18 Monate nach dem WM-Triumph von Köln konnte die entkräftete, ersatzgeschwächte und glücklose Mannschaft den Europameister nicht bezwingen. Das Ergebnis ist entsprechend schlecht: Nach Silber 2004 in Athen, Rang fünf 2000 in Sydney sowie Platz sieben 1996 in Atlanta ist es das schwächste Abschneiden für die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes seit dem zehnten Platz 1992 in Barcelona.

Deutschland machte zu viele Fehler

Die Spieler rangen sichtlich nach Worten und blickten mit versteinerten Mienen die Wände an. Johannes Bitter kauerte in seinem Tor. Michael Kraus, der sechs Tore geworfen hatte, vergrub den Kopf minutenlang unter dem weißen Handtuch. Dominik Klein weinte nach dem Abpfiff und schlug sich dann anklagend an die Brust. „Wir sind alle sehr enttäuscht, besonders ich. Ich muss mich bei der Mannschaft und beim Bundestrainer entschuldigen für meine Leistung und die zwei vergebenen Tempogegenstöße.“ Auch Michael Kraus gab die Selbsterkenntnis zu Protokoll: „Nicht die Dänen haben uns geschlagen, wir haben uns selbst geschlagen“. Und er verwies auf die vielen Fehler.

Mit dem Ausscheiden ging auch Christian Schwarzers Länderspielkarriere zu Ende. Der 39 Jahre alte Kreisläufer hatte wie schon bei der WM 2007 für das Großereignis noch mal sein Comeback im Nationaltrikot gegeben. „Wir haben alles versucht, alles gegeben. Es hat leider nicht gereicht“, sagte Schwarzer und hatte eine erste Erklärung parat: „Man muss das ein bisschen der Jugend zuschreiben. Viele waren das erste Mal bei Olympia.“

Dänemarks Keeper schier unüberwindbar

Ein Unentschieden hätte den Deutschen und den Dänen gereicht, dann wären die Russen nach Hause gefahren. Aber die Dänen, die im Turnierverlauf ebenfalls noch nicht überzeugt hatten, waren sichtbar nicht auf ein Unentschieden aus. Das Spiel über hatten sie einen Drei-Tore-Vorsprung stets verteidigt und waren in der letzten Viertelstunde davongezogen. „Wir haben ein Drehbuch für das Spiel geschrieben“, sagte der dänische Trainer Ulrik Wilbek, „hauptsächlich eine taktische Strategie, um Michael Kraus und Holger Glandorf auszuschalten.“ In der Abwehr war Dänemarks Torwart Kasper Hvidt, der bei der Europameisterschaft schon der stärkste Torhüter war, eine sichere Bank. Ein ums andere Mal scheiterten die Deutschen an ihm.

Trainer Heiner Brand mochte kein weiteres Feuer entfachen, ruhig und zurückgelehnt gab er alle Fehler zu, nahm die Mannschaft aber in Schutz. „Es ist das passiert, was wir befürchtet hatten. Das ganze Turnier lief nicht in unserem Sinne. Zum einen, was unsere eigene Leistung betrifft, hinzu kamen die anderen Ergebnisse in der Gruppe. Mit einem Sieg wären wir Gruppenerster gewesen, jetzt sind wir draußen.“ Mehrere Ausfälle hatten das deutsche Team geschwächt. „Zudem ist der Extremfall eingetreten, dass auf der wichtigen Position im linken Rückraum gleich drei Spieler verletzt ausgefallen sind.“ Zuletzt hatte es Pascal Hens im Spiel gegen Island mit einer Schienbeinkopffraktur erwischt.

keywordsHeiner Brand will den anstehenden Umbau der Mannschaft ruhig angehen, vor allem mittelfristig planen. Horst Bredemeier, Verbandsvizepräsident, schaut deutlich offensiver voraus. „In fünf Monaten ist die nächste Weltmeisterschaft. Wir haben Lust auf einen neuen Angriff.“

Der Häuptling übrigens rollte nach der Niederlage die deutsche Fahne ein und ging still davon.

sid