Jamaika rühmt sich, für Überraschungen in der Leichtathletik gut zu sein. Die Karibikinsel bietet reihenweise Weltklassesprinter auf. Wenn Samstag in Berlin die Leichtathletik-WM eröffnet wird, gilt das Rampenlicht dem dreifachen Gold-Gewinner von Peking: Schon am Sonntag will Usain Bolt auch den WM-Sieg über 100 Meter ersprinten.

Längst herrschen Zweifel, ob es mit rechten Dingen zugeht in Jamaika. Der Enthüllungsfilm „Geheimsache Doping“, den die ARD Dienstagnacht um Mitternacht ausstrahlt, berichtet, dass der Hintermann des Balco-Dopingskandals, Victor Conte, bereits am 12. Dezember 2007 dem früheren Chef der Weltantidopingagentur Wada, Richard Pound, Informationen und sechs Namen eines Dopingnetzwerks auf Jamaika und den Bahamas geliefert hat. Während Pound Conte traute („das war glaubwürdig“), unternahmen Nachfolger und Wada nichts.

Zuletzt flogen fünf Sprinter bei Jamaikas Meisterschaften mit positiven Tests auf das Stimulans Methylxanthin auf. Doch alle hoffen, trotzdem in Berlin zu starten. Der 100-m-Läuferin Sheri-Ann Brooks (26), Staffel-WM-Zweite 2007 in Osaka, reichte schon, dass eifrige Offizielle in der Heimat ihre B-Probe ohne Zeugen öffneten. Bei Yohan Blake (19), Marvin Anderson (27), Lanceford Spence (26) und Allodin Fothergill (22) verzichtete Jamaikas Antidoping-Kommission Jadco auf Sperren, weil die Substanz nicht auf der Verbotsliste zu finden sei, so dass jetzt gar ein internes Gremium prüft, ob es Einspruch erhebt.

Deutscher Meister belastet

Nicht nur in Jamaika können Betrüger von glücklichen Fügungen profitieren. Die ARD führt Kronzeugen vor, die auspacken, wie Dopingkontrollen zur Farce geraten, selbst wenn bei der WM, wie vom Weltverband angekündigt, 1000 Tests durchgeführt werden. Sogar ein Deutscher Meister, namentlich nicht genannt, wird im Film vom österreichischen Manager und Dopingnetzwerker Stefan Matschiner belastet: Er habe von ihm Jahre lang Designer-Steroide bekommen. Verbotene Mittel lassen sich rezeptfrei in Apotheken in Mexiko besorgen und über Grenzen transportieren, sie lassen sich von Chemikern nicht nachweisbar mixen, geschmierte Angestellte von akkreditierten Laboren überprüfen gedopte Athleten für Unbedenklichkeitszeugnisse vor dem Start.

„Neun von zehn Athleten nehmen Wachstumshormone (HGH)“, sagt der Doping-Hintermann Angel Heredia, der Stars wie Marion Jones oder Tim Montgomery beraten hat und den langjährigen Manager des Stabhochspringers Tim Lobinger, den Österreicher Robert Wagner, beschuldigt: „Wir haben über nichts anderes als Doping gesprochen“, sagt Heredia, der für die Mittel und ihre Herstellung von Wagner gut bezahlt worden sei: „Cash.“

Auf Wachstumshormone hat es bislang keinen Positivtest gegeben. „Nach Aussage der Wada-Labors soll das recht populär sein, Zahlen gibt es natürlich nicht“, sagt der Berliner Endokrinologe Christian J. Strasburger, Erfinder des HGH-Tests, zu Morgenpost Online, „die juristische Unangreifbarkeit von positiven Befunden, die die Wada nun mal braucht, kostet bei allen Verfahren zum Dopingnachweis Sensitivität, das heißt, es rutschen positive Befunde durch das Raster, damit niemand zu unrecht verdächtigt wird.“