Jeder Morgen ist gerade spannend in Bielefeld. Beim Blick in die Zeitung wähnen sich Fans des Fußballklubs Arminia dann weiter in der Bundesliga. Denn täglich geraten als neues Personal gehandelte Kandidaten spektakulärer, als sei der Verein nicht als Tabellenletzter sang- und klanglos abgestiegen.
Regionale Firmenbosse vom Puddingmacher Dr. Oetker über den Fensterbauer Schüco bis zum Modeunternehmer Gerry Weber schlossen sich zusammen, um die erfolglose Führung durch eine zukunftsträchtigere zu ersetzen. Dann erschien Schalkes früherer Sonnengott Günter Eichberg, ein Klinikbetreiber, als Präsidentschaftskandidat mit Rudi Assauer als Berater. Schließlich galt Lothar Matthäus ausgerechnet in Bielefeld als Traineranwärter. Dabei hatte er voriges Jahr Arminia den Abstieg in einer Kolumne vorher gesagt und sich mit einer Generalkritik in dem Wochenblatt empfohlen: „Weitsichtige Planung einer seriösen Führung sieht anders aus.“
Nun, da die Klubbosse vor der Jahreshauptversammlung am Montag bedrohlich wanken, wenn sie nicht bereits gestürzt sind, verhilft dem Rekordnationalspieler offenbar auch sein offenes Wort nicht zum ersten Engagement in Deutschland. Zwar hat bisher selten ein Absteiger eine derartige interne Revolution erlebt wie Arminia Bielefeld gerade, doch scheint Matthäus nicht einmal dann, von „Bild“ in Position gebracht, ernsthaft in Frage zu kommen: „Fakt ist, dass der Name Matthäus über die Medien an mich herangetragen wurde“, sagte Manager Detlev Dammeier. „Die Sache wurde von den Herrschaften Eichberg oder Matthäus selber nach vorn getrieben. Die Diskussionen sind nicht förderlich“, sagt Thomas Lauritzen, Schüco-Sprecher und Kandidat für den Arminen-Vorstand: „Ich glaube nicht, dass Lothar Matthäus der richtige Trainer für Arminia Bielefeld ist: Ich halte ihn für einen guten Sportler, aber trainingsmäßig traue ich ihm nach seinen bisherigen Stationen nicht zu, Arminia Bielefeld nach vorn zu bringen.“
Montag ist Trainingsbeginn
Matthäus beharrt darauf, vor einer knappen Woche einen Anruf aus dem Arminen-Umfeld erhalten zu haben. „Man hat mich gefragt, ob ich in Ungarn schon unterschrieben habe und mir gesagt, dass in Bielefeld Industriebosse den Klub neu aufstellen wollen“, sagt Matthäus, „ich habe gesagt, dass ich noch nichts unterschrieben habe und dass ich bereit bin, mir das anzuhören, wenn man mit konkreten Fakten auf mich zukommt. Ich bin der Letzte, der bei einem Verein anruft und sagt: Ich bin Lothar Matthäus, bitte nehmt mich.“
Den örtlichen Wirtschaftsbossen liegt daran, den Klub langfristig mit Perspektiven aufzustellen. „Das heißt, im Mittelfeld der Ersten Liga zu spielen und vielleicht alle fünf Jahre mal im internationalen Wettbewerb“, sagte Schüco-Geschäftsführer Dirk U. Hindrichs der „Neuen Westfälischen“, „dazu gehört ein ordentlicher Unterbau mit der zweiten Mannschaft und der Jugendabteilung.“
Zehn bis zwölf Firmen wollen sich engagieren und ein tragfähiges Konzept für die Zukunft erarbeiten, in das der Trainer sich einfügen muss. Als Kandidaten gelten Mirko Slomka, Holger Fach und Christian Wück. Obwohl die Mannschaft Montag zum Training einrücken sollte, könnte der neue Übungsleiter erst nach der Vorstandswahl verpflichtet werden. „Denkbar ist, dass wir einem Trainer zuerst nur einen Vertrag über ein Jahr geben“, sagt Lauritzen.
Voraussetzung für eine Mitarbeit der Wirtschaftsbosse bleibt der Abtritt der Abstiegsverantwortlichen: Während Präsident und Aufsichtsratschef Hans-Hermann Schwick seine Bereitschaft zum Rücktritt erklärt hat, will Roland Kentsch seinen mit 400.000 Euro dotierten Geschäftsführerposten nicht widerstandslos räumen. Zuletzt hatten beide sich die Schuld am Abstieg des Vereins gegenseitig in die Schuhe geschoben. „Vielmehr als der sportliche Abstieg schmerzt mich, wie unprofessionell das Management den Verein geführt hat und wie zerrissen es auf den Abstieg reagiert hat“, klagte August Oetker, „die Marke Arminia wird schlecht geführt.“

