Sein gequältes Lächeln und das zerfetzte Trikot standen sinnbildlich für Lance Armstrongs Kapitulation. „Die Tour ist aus“, sagte der Rekordchampion nach der bittersten Niederlage seiner Karriere mit leiser Stimme. Ganze 11:45 Minuten hinter Tagessieger Andy Schleck - eine halbe Ewigkeit im Radsport - war Armstrong zuvor auf der achten Etappe der Tour de France an der Skistation Morzine-Avoriaz geschlagen und gedemütigt über den Zielstrich getrudelt. „Das war ein schwarzer Tag. Es hat sehr weh getan“, so der Texaner weiter.
Auf der ersten Hochgebirgsetappe erlebte der einstige Patron in 1796 Meter Höhe sein Waterloo. „Ich konnte am vorletzten Berg nicht mithalten“, sagte Armstrong. Natürlich war der 38-Jährige im Ziel der gefragteste Fahrer. Hunderte Fans und Journalisten umzingelten den tief frustrierten Armstrong - sie alle wollten eine Erklärung für das schier Unfassbare. Doch der RadioShack-Kapitän suchte selbst nach Antworten.
In der Gesamtwertung liegt der Texaner 13:26 Minuten hinter dem neuen Spitzenreiter Cadel Evans auf Platz 39. Zweiter ist Andy Schleck, der mit seinem Etappensieg vor Samuel Sanchez zehn Sekunden auf den Vorjahressieger und neuen Gesamtdritten Alberto Contador gewann und der moralische Sieger war. „Ich fühlte mich richtig gut und wollte attackieren“, sagte Schleck. Im Vorjahr hatte der 25-jährige Luxemburger in Paris noch neben Contador auf Platz zwei gestanden.
Schadenfreude über Armstrongs Desaster wollte bei Schleck nicht aufkommen. „Es tut mir leid für ihn. Er hatte sich auf seiner letzten Tour viel vorgenommen. Ich habe großen Respekt vor ihm“, meinte der Luxemburger.
Für das Podium oder gar das Gelbe Trikot wird es für Armstrong, dessen letzte Tour von ständigen Doping-Anschuldigungen begleitet wird, wohl nie mehr reichen. Auf den 189 km von Station des Rousses nach Morzine-Avoriaz wurde der Texaner gleich dreimal vom Rad geholt. Völlig entnervt strampelte er den letzten Anstieg des Tages hinauf, schüttelte immer wieder den Kopf und warf den staunenden Fans ein gequältes Lächeln zu.
„Rien ne va plus“ - Nichts geht mehr, hieß es für Armstrong bereits am vorletzten Anstieg. 38,6 km vor dem Ziel musste der RadioShack-Kapitän abreißen lassen. Als Armstrong auf dem vorletzten Gipfel nach einem Sturz eines Euskaltel-Fahrers nochmal absteigen musste, kletterte er fast lethargisch wieder auf sein Gefährt. Der Kampfeswille, der Armstrong all die Jahre ausgezeichnet hatte, war endgültig gebrochen.
Eine derartige Niederlage hatte er in seiner zweiten Karriere seit 1999 noch nicht erlitten. Im vergangenen Jahr hatte Armstrong in Le Grand Bornand nach einem schwachen Tag einmal 2:18 Minuten auf Contador verloren.
Gleiches gilt für die deutsche Hoffnung Tony Martin, der die hohen Erwartungen nicht erfüllte und weit zurückfiel. „Ich muss jetzt genau analysieren, wo ich in der Vorbereitung Fehler gemacht habe. Ich hatte schon die ganze Tour über schwere Beine“, räumte Martin ein.
Neben dem sportlichen Desaster rollen auf Armstrong derzeit noch viel unangenehmere Probleme wie eine Lawine zu. UCI-Präsident Pat McQuaid räumte ein, dass der Texaner dem Weltverband bereits Mai 2002 25.000 Dollar gespendet hatte. Erst im Mai war bekanntgeworden, dass Armstrong die UCI im Jahr 2005 mit 100.000 Dollar bedacht hatte.
Ermittlungen gegen Armstrong
Vor zwei Monaten hatte Armstrongs früherer Team-Kollege Floyd Landis in seinem Doping-Geständnis behauptet, Armstrong habe ihm erzählt, er sei bei der Tour de Suisse 2002 „positiv auf Epo“ getestet worden und habe dann ein „finanzielles Abkommen“ mit dem damaligen UCI-Chef Hein Verbruggen getroffen, um den Test verschwinden zu lassen.
Landis' Geständnis löste Ermittlungen von US-Behörden gegen Armstrong aus, die offenbar weit fortgeschritten sind. Wie das Wall Street Journal am Wochenende berichtete, sind die Fahnder um Chefermittler Jeff Novitzky in konkreten Gesprächen mit früheren US-Postal-Fahrern und deren Anwälten zwecks einer Kooperation.
Das Armstrong-Lager reagierte in ungewohnter Schärfe auf die Berichte. „Wo Müll reinkommt, kommt auch Müll raus“, sagte Armstrongs Anwalt Timothy Herman. Auch der Texaner selbst reagiert zunehmend genervt. „Ich glaube nicht, dass da etwas Neues ist, oder habe ich etwas verpasst? Sagt mir, wenn es etwas Neues gibt. Wir haben hier offenbar den Ausfluss einer vermeintlich legitimen Presse, die sich selbst wiederholt.“
Zumindest sportlich erhält Armstrong am Montag eine Verschnaufpause. Nach zwei Kletterpartien in den Alpen steht der erste von zwei Ruhetagen an. Die Tour wird am Dienstag mit einer weiteren Bergetappe über 204,5 km von Morzine nach St. Jean de Maurienne fortgesetzt. 32 km vor dem Ziel muss der Col de la Madeleine, ein Berg der höchsten Kategorie, überquert werden.
sid/fb













































































































































