Morgenpost Online: Herr Sammer, Sie besuchten weder das WM-Turnier in Südafrika auf, noch äußerten Sie sich öffentlich. Warum?

Matthias Sammer: Der DFB ist in das Turnier mit einer unklaren Vertragssituation der sportlichen Leitung gegangen und es war folglich offen, wie es anschließend weitergehen wird. Daher gab es viele Spekulationen, die auch meine Person betrafen. Deshalb bin ich weder bei der WM aufgetaucht noch habe ich mich zu Wort gemeldet. Stattdessen habe ich konzeptionelle Arbeiten erledigt und unter anderem Spiele um die Deutsche Meisterschaft der A- und B-Jugend besucht.

Morgenpost Online: Ist es nicht schade, dass der Sportdirektor nicht mehr bei einer WM auftauchen kann?

Sammer: Meine Aufgabe ist es, zu beeinflussen, was in vier, sechs oder zehn Jahren geschieht und an Spielern für die Nationalmannschaft nachkommt. Für die Tagesaktualität ist der Bundestrainer zuständig. Darum habe ich mich mit WM-Kommentaren zurückgehalten, weil das falsch interpretiert hätte werden können.

Morgenpost Online: Wie bewerten Sie den dritten Platz des DFB-Teams?

Sammer: Es ist ein Erfolg, ohne Frage. Man muss Joachim Löw und seinem Team ein Kompliment machen. Die Voraussetzungen waren ja nicht so einfach: Die Bremer und Münchner kamen verspätet ins Trainingslager. Außerdem gab es Formschwankungen und kurzfristige Ausfälle, unter anderem von Michael Ballack. Das brachte Ungewissheit. Darum war es eine tolle Leistung. Die Mannschaft hat sich sportlich und auch vom Auftreten her sehr gut präsentiert. Sie hat den deutschen Fußball würdig vertreten.

Morgenpost Online: Und sie scheiterte wie vor vier Jahren im Halbfinale.

Sammer: Aber die Mannschaft zeigt mit den dritten Plätzen bei der WM 2006 und 2010 und dem zweiten Rang bei der EM 2008 hohe Konstanz. Grundsätzlich stimmt es, dass unser Anspruchsdenken sein muss, einen Titel zu gewinnen.

Morgenpost Online: Wird das im Verband auch so gesehen?

Sammer: Unser Hauptsponsor hat während der WM mit einem Ausspruch von Gottlieb Daimler geworben: „Das Beste oder nichts“. Unser Ausrüster warb mit Adi Dassler: „Strebe nach Perfektion“. Was ich damit sagen möchte: Es ist grundsätzlich richtig, die Leistung bei dieser WM zu loben. Aber unsere Zielsetzung ist natürlich Weltspitze und Titelgewinne. In der Weltspitze sind wir wieder etabliert. Jetzt müssen wir auch Titelgewinne anstreben.

Morgenpost Online: Also ist Platz drei für Sie nicht befriedigend?

Sammer: Doch, weil die Mannschaft zum Teil begeisternd Fußball gespielt hat, sie war bestens vorbereitet und sehr jung.

Morgenpost Online: Haben wir in Südafrika die ersten Erfolge des Jugendförderprogramms gesehen, das nach dem EM-Aus 2000 initiiert wurde?

Sammer: Ein klares Ja. Damals wurden richtige, wegweisende Entscheidungen getroffen. Mittlerweile haben DFB und Deutsche Fußball-Liga ein in sich geschlossenes Fördersystem mit dem Talentförderprogramm und Leistungszentren, die mit den Eliteschulen des Fußballs verbunden sind. Wir haben die Voraussetzungen geschaffen für Früchte, die wir nun anfangen zu ernten.

Morgenpost Online: Ist Weltmeister Spanien Vorbild?

Sammer: Die Spanier haben im U-Bereich viele Titel gewonnen. Viele Spieler, die nun Weltmeister geworden sind, kommen aus diesen Teams und entstammen dem System, das dahinter steckt. In Spanien sehen wir, dass Leistung planbar ist. Wir haben mit unseren EM-Titeln der U17, U19 und U21 wichtige Erfolge erzielt. Deshalb haben wir berechtigte Hoffnungen, die Lücke zu Spanien in absehbarer Zeit schließen zu können und sie zu verdrängen.

Morgenpost Online: Wie groß ist der Anteil des Bundestrainers?

Sammer: Er hat der Mannschaft seine Handschrift verpasst und seine Vorstellungen vom attraktiven Fußball umgesetzt. Er profitierte natürlich auch von der Nachwuchsarbeit im DFB, den Leistungszentren und vor allem der hervorragenden Arbeit der Trainer in der Bundesliga. Der FC Bayern beispielsweise hat durch seine Entwicklung großen Anteil am WM-Erfolg.

Morgenpost Online: Demnächst wird Löw mit dem DFB über einen neuen Vertrag verhandeln. Würden Sie eine Einigung begrüßen?

Sammer: Ja. Es ist erkennbar, dass Löw Freude hat, mit der Mannschaft zu arbeiten, die unter ihm eine positive Entwicklung genommen hat. Diese ist noch lange nicht abgeschlossen. Dementsprechend ist er ein fester Bestandteil des Ganzen und sollte weitermachen. Ich bin überzeugt, dass er verlängern wird.

Morgenpost Online: Es wird spekuliert, dass Löw fordern könnte, das Sagen über die U21 zu bekommen und damit in Ihr Aufgabengebiet einzugreifen.

Sammer: Sie sagen es: Das sind Spekulationen. Löw wird verhandeln, wie er sich in Zukunft aufstellen möchte, und das Präsidium wird dann entscheiden, ob es seinen Weg für richtig hält.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie die Abgrenzung zwischen Ihrem Aufgabenbereich und dem des Bundestrainers?

Sammer: Ich glaube, es ist für den DFB sehr wichtig, dass er zwischen Aufgaben unterscheidet, die in der Tagesaktualität einer Mannschaft liegen und damit in den Bereich des Trainers fallen und zwischen den Tätigkeiten eines Sportdirektors, der für die sportlich-strategische Ausrichtung im Verband zuständig sein muss. Derzeit haben wir gerade eine WM hinter uns gebracht und bereits Anfang September beginnt wieder die EM-Qualifikation. Dafür ist der Bundestrainer zuständig. Für den Sportdirektor geht es darum, die inhaltlichen, organisatorischen und strategischen Rahmenbedingungen so zu beeinflussen, dass Erfolge in der Zukunft gegeben sind. Das scheinen mir klar getrennte Verantwortlichkeiten zu sein.

Morgenpost Online: Franz Beckenbauer hat einen Schulterschluss zwischen Ihnen und Löw gefordert.

Sammer: Gegenseitiges Vertrauen ist unabdingbar. Aber es gibt keine Probleme mit Löw. Alles, was ich angesprochen habe, ist unabhängig von Personen. Mir geht es nicht um Löw oder Sammer. Es geht darum, dass der DFB sich optimal aufstellt für die Zukunft.

Morgenpost Online: Für Ihre Weiterarbeit wäre es also nicht entscheidend, wenn Löw und auch Teammanager Bierhoff weitermachen würden?

Sammer: So ist es. Für mich ist das personenunabhängig. Ich beschäftige mich überhaupt nicht mit dem Gedanken, etwas aufzugeben, in das ich viel Herzblut investiert habe.

Morgenpost Online: Was fordern Sie vom DFB?

Sammer: Ich habe überhaupt nichts einzufordern. Wie ich die Gesamtsituation sehe, habe ich bereits erwähnt. Ich habe einen festen Vertrag bis 2013.

Morgenpost Online: Wo steht der deutsche Fußball derzeit?

Sammer: Grundsätzlich steht er gut da. Aber wir dürfen nicht vergessen, wo wir 2000 waren. Wir müssen weiter effektiv und nachhaltig arbeiten. Die WM-Auftritte von Frankreich und Italien sollten uns warnende Beispiele sein.

Morgenpost Online: Jetzt könnte man sagen: WM-Dritter, viele junge Spieler – wo ist das Problem?

Sammer: Wir haben uns nicht für die U17- und die U19-EM-Endrunde qualifiziert und stehen mit der U21 gewaltig unter Druck, die Qualifikation für die EM 2011 zu schaffen. Was ich damit sagen möchte ist, dass wir jetzt, wo die Nationalmannschaft gut dasteht, den Blick für die Realitäten nicht verlieren dürfen und uns für die Zukunft optimal aufstellen müssen. Denn bekanntlich macht man im Erfolg die größten Fehler.

Morgenpost Online: Was machen Sie, wenn Löw nicht weitermacht? Sie wurden stets als potenzieller Nachfolger genannt.

Sammer: Dr. Zwanziger hat diese Aussage schon bei meiner Präsentation 2006 getroffen, um zu signalisieren, dass der Verband nicht wieder so in Schwierigkeiten geraten will wie 2004 nach dem Rücktritt von Rudi Völler. Aber ich habe ja schon gesagt, dass ich fest mit Löws Vertragsverlängerung rechne. Darum befasse ich mich nicht mit Dingen, die spekulativ sind. Ich arbeite sehr gern als DFB-Sportdirektor.