Morgenpost Online: Die letzte Woche der Tour de France läuft. Zufrieden mit dem Verlauf soweit, Mister McQuaid?

Pat McQuaid: Ich würde sagen ja. Es war bislang ein ziemlich gutes Rennen, mit viele Ausreißergruppen und einer spektakuläre Zielankunft am Montag, auf die wir irgendwie doch alle gewartet haben. Und nun fährt erwartungsgemäß Alberto Contador im Gelben Trikot. Ich könnte mir vorstellen, dass er es bis zum Ende tragen wird, zumal sein Team das stärkste ist.

Morgenpost Online: Contadors Konkurrent Lance Armstrong hat versprochen, ihn nicht zu attackieren.

McQuaid: Das hat mir Lance auch gesagt.

Morgenpost Online: Hatten Sie Kontakt mit ihm während der Tour?

McQuaid: Ja, einige Male.

Morgenpost Online: Und, ist er bis dato persönlich zufrieden mit seiner Rückkehr?

McQuaid: Ich denke, er ist es. Ursprünglich hatte er offensichtlich den Eindruck, er könnte die Tour möglicherweise noch einmal gewinnen. Aber er hat jetzt realisiert, dass es nicht mehr drin ist. Also akzeptiert er es. Von außen betrachtet würde ich sagen: Er ist ziemlich zufrieden.

Morgenpost Online: Sie haben Armstrongs umstrittenes Comeback begrüßt und meinen, es sei eine gute Sache für den Radsport, „allein wegen der Bilder, die um die Welt gehen“. Sind Ihre Erwartungen nun gar übererfüllt worden?

McQuaid: Übererfüllt würde ich nicht sagen. Aber erfüllt? Ja! Lance ist eine große Mediennummer, und er macht sich sehr viel mehr verfügbar für die Medien, vor allem während dieser Tour de France. Er kommuniziert besser als in den Jahren, als er das Rennen gewann. Das ist doch eine gute Sache. Und: Das Interesse herrscht weltweit, man muss sich nur mal die Daten der Fernsehsender anschauen. Daran hat Lance Armstrong großen Anteil.

Morgenpost Online: Würden Sie ihn gern noch ein Jahr fahren sehen?

McQuaid: Ja. Er hat sich ja bereits in diese Richtung geäußert.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Kooperation mit dem Tourveranstalter ASO in diesem Jahr?

McQuaid: Nachdem es voriges Jahr überhaupt keine Kooperation gab, ist sie dieses Jahr recht gut. Die ASO organisiert die Tour, was sie ziemlich gut macht, die UCI ist die Regierung des Radsports und konzentriert sich auf diese Rolle. Unsere Kommissare treffen Entscheidungen im Rennen, sämtliche Doping-?Verzeihung: Antidopingaktivitäten während der Tour werden von der UCI, in Zusammenarbeit mit der AFLD (französische Antidopingagentur, d.Red.), verantwortet. Auch das läuft gut.

Morgenpost Online: Vorige Woche sollen sich UCI-Kontrolleure vor einer Dopingkontrolle beim Astana-Team 55 Minuten lang bei einem Kaffee vertröstet haben, bis es zur Blutabnahme kam. Haben Sie den Zwist darum mit der AFLD gelöst?

McQuaid: Wissen Sie, es gibt zwei Versionen dieser Geschichte. Herr Bordry (AFLD-Präsident, d.Red.) hat seine publik gemacht, unsere möchte ich hier nicht öffentlich darlegen. Ich habe mit Bordry Vertraulichkeit vereinbart – und ich hätte bevorzugt, wenn er die gleiche Einstellung gehabt hätte.

Morgenpost Online: Wie bewerten Sie die Tatsache, dass bei dieser Tour de France noch kein einziger positiver Dopingtest bekannt wurde?

McQuaid: Das ist eine gute Sache und ein gutes Zeichen. Hoffen wir, dass es in der letzten Rennwoche so bleibt. Diese Tatsache kann nicht missinterpretiert werden – etwa durch die Unterstellung zwischen den Zeilen, dass in diesem Jahr niemand erwischt wurde, voriges Jahr aber sechs oder sieben Starter. Das Labor, das in diesem Jahr die Analysen vornimmt, ist ja dasselbe wie im vergangenen Jahr. Es besteht also kein Unterschied. Nein, die Botschaft kommt an!

Morgenpost Online: Glauben Sie wirklich?

McQuaid: Die Zahl unserer Tests – im Wettkampf und außerhalb – und auch unser Blutpass und die internen Systeme sind gut. Der Pass ist nur ein Element im Antidopingkampf, aber es ist auch ein starkes Mittel zur Abschreckung, dass Fahrer das Risiko nicht mehr eingehen.

Morgenpost Online: Verfolgen Sie den Fall Claudia Pechstein, der auch mit über längere Zeit gesammelten Blutwerten abzielt?

McQuaid: Nicht extrem nahe, aber ich lasse mich auf dem Laufenden halten. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich dieser Fall entwickelt. Geht es schnell, wird er Auswirkungen auf den biologischen Pass haben.

Morgenpost Online: Das dürfte dann in Ihrem eigenen Interesse sein.

McQuaid: Natürlich.