Die Charakteristik des südafrikanischen Fußballs wurde nach knapp einer Stunde deutlich. Das Team des WM-Gastgebers hatte nicht ein einziges Mal gefährlich auf das Tor von Uruguay geschossen, eigentlich noch keinen ordentlichen Angriff zustande gebracht.
Doch nun setzte Mittelfeldspieler Teko Modise unbedrängt zum Hackentrick an, was der Ball angesichts der bisherigen Behandlung verweigerte. Er landete einmal mehr bei Uruguay. Die Südafrikaner würden gerne wie die Brasilianen agieren, der Vize-Meister Mamelodi Sundowns trägt sogar diesen Spitznamen. Am Ende spielten sie dann doch so, wie ein Weltranglisten-83. nun einmal so spielt.
Mit 0:3 (0:1) verlor Südafrika im Versus Loftus Stadion von Pretoria gegen die 67 Plätze besser platzierten Südamerikaner. Und das völlig verdient nach einer merkwürdig lethargischen Partie gegen die abwehrstarken Uruguayer, für die Stürmerstar Diego Forlan zweimal traf. Einfallslos probierte es das Team von Trainer Carlos Alberto Parreira entweder stur durch die Mitte – oder mit langsamen Flanken, die auch in der heimischen Liga ein Grund für die sportliche Zweitklassigkeit sind. Selbst bei einem Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Frankreich bleibt nur die theoretische Chance auf das Erreichen des Achtelfinales – das erste Vorrunden-Aus eines WM-Gastgebers wird immer wahrscheinlicher.
Hoffnungsvoll hatte die Nation darauf spekuliert, dass der 16. Juni, der Tag der Jugend, künftig nicht mehr allein mit dem Beginn des Soweto-Aufstands vor 34 Jahren verbunden würde. Von der gestrigen Mannschaft war damals noch niemand geboren, als mindestens 200 Menschen im Protest gegen die Politik der Apartheid starben.
„Forlan and forlorn“, titelte die südafrikanische Ausgabe der „Times“, was übersetzt so viel heißt wie „Forlan und aussichtslos“. Der „Star“ sieht den Traum von Bafana „auf des Messers Schneide“ – und das ist noch eher optimistisch formuliert.
Mittelfeldstar Steven Pienaar versuchte dennoch, die Hoffnung aufrecht zu erhalten: „Wir haben nun ein Finale gegen Frankreich, die Spieler wollen diese Sache wieder gerade rücken. Den vorherrschenden Eindruck aber brachte Verteidiger Bongani Khumalo auf den Punkt: „Es war schrecklich, wirklich schlimm.“
Am Mittwoch griff gleich mehrfach unter den 42.658 Zuschauern (sofern sie nicht aus Uruguay kamen) Fassungslosigkeit um sich – und zwar nicht wegen der Schiedsrichterleistung des Schweizer Massimo Busacca, die Parreira als „schlechte des Turniers“ bezeichnete. Es war schlicht die eigene Vorstellung, die schockierte. Nach 24 Minuten zog Uruguays überragender Stürmer Diego Forlan aus 25 Metern ab. Südafrikas Abwehrchef Aaron Mokoena fälschte unglücklich ab, und der Ball senkte sich über den bis dato starken Torwart Itumeleng Khune ins Tor. Das 0:1 war gleichbedeutend mit einer 30-sekündigen Vuvuzela-Schockstille.
Im Eröffnungsspiel gegen Mexiko (1:1) hatte sich Südafrika nach der Pause noch entscheidend gesteigert. Diesmal aber erholte sich das Team nicht. Luis Suarez, Uruguays starker Außenangreifer, zog sich nach einem Zweikampf eine blutende Wunde am Mund zu und lief minutenlang mit einem Wattebausch im Mund rum. Ein Bild des Jammers, doch in der 80. Minute umkurvte er dennoch problemlos Torwart Khune. Der grätschte dazwischen und erlebte vier Tage vor seinem Geburtstag die härteste aller Fußballszenarien: Elfmeter und die Rote Karte gleich mit dazu.
Forlan verwandelte in den linken oberen Winkel, mit einer Kompromisslosigkeit, die der aufkeimenden südafrikanischen Fußballeuphorie ein jähes Ende setzte. Das 0:3 durch Alvaro Pereira in der Nachspielzeit wirkte da nur noch wie ein schmerzhaftes Ausrufezeichen. Tausende Zuschauer hatten sich schon auf den Rückweg gemacht.




