Es ist ein kurzes Vergnügen, dann ist man lieber wieder unter sich. Nach 15 Minuten Training der Nordkoreaner im Stadion Makhulong werden die Journalisten von der Tribüne verscheucht. Bis dahin hatte Trainer Kim Jong-hun seine Schützlinge fünf gegen zwei und ein bisschen Handball spielen lassen. Etwas Show, daran kommt auch ein streng antikapitalistisch ausgerichteter Staat nicht vorbei. Es lässt sich allerdings erahnen, dass es für die kickenden Botschafter des totalitären Regimes auf dem Rasen bald schweißtreibender werden würde. Die Mannschaftsbetreuer schleppten danach allerlei Stangen, Hütchen und Hürden auf den Rasen.
Kraft und Kondition spielen eine tragende Rolle im System des linientreuen Übungsleiters Jong-hun. Vor der potenten physischen Kraft des weitgehend unbekannten Gegners haben sogar die deutlich höher eingeschätzten Gruppengegner Respekt. Sven-Göran Eriksson, Trainer der Elfenbeinküste, sagt: „Bei diesem Turnier wird keine Mannschaft konditionell so stark sein wie Nordkorea.“ Ein halbes Jahr waren sie im Trainingslager, in dem sie offenbar auch reichlich Selbstvertrauen getankt haben. „Nordkorea gewinnt die Weltmeisterschaft. Dies wird uns dank der großartigen Unterstützung unseres geliebten Führers Kim Jong-il gelingen“, prophezeit Son Kwang-ho, Vizepräsident des Fußballverbandes.
Etwas gestelzte, aber durchaus mutige Fußball-Floskeln. Sie kommen aus einem Land, das der Welt bedrohlich und mysteriös erscheint. Es wird von Kim Jong-il diktatorisch regiert, steht wegen der Weitergabe militärischer Raketentechnologie, eines Kernwaffenprogramms und Verletzung der Menschenrechte in der Kritik. Jong-il schockt gern und lässt unliebsame Journalistinnen schon mal ins Arbeitslager stecken. Nordkorea ist ein einziges beunruhigendes Säbelrasseln. Im Fußball will es sich als normales Mitglied der Staatenfamilie geben.
Für den Sport muss der nordkoreanische Verband ein Stückchen Freiheit wagen. So hat die Delegation die internationalen Medien zu einem der höchst seltenen Medientermine geladen. Sie muss. Der Fußball-Weltverband (Fifa) schreibt derlei wohl dosierte Öffnungen vor. Und hinter einem Stadion mit hohen Mauern und Stacheldraht bietet sich tatsächlich die Möglichkeit, einen Eindruck zu gewinnen von dieser Mannschaft, die als wohl größter Außenseiter in die Weltmeisterschaft startet. Erst zum zweiten Mal nach 1966 in England hat sich das Team qualifiziert. Damals besiegte es Italien sensationell mit 1:0 und hatte im Viertelfinale auch Portugal am Rande der Niederlage. Doch die Männer um Eusebio machten aus einem 0:3 ein 5:3.
Es ist ein bizarres Szenario: Polizisten und Sicherheitsbeamte bewachen den Eingang zum Lager der Nordkoreaner, während auf einem benachbarten Steinacker Kinder einem Ball hinterher jagen, sichtlich begeistert darüber, ihre Tricks überraschend einem großen Publikum vorzuführen.
Auf die Minute genau, wie vorgegeben um 16 Uhr, öffnet sich das Eingangstor. An die Stelle, wo es kürzlich zu einer Massenpanik kam, als eine Gruppe nigerianischer Fans versuchte, sich Zutritt in das schon überfüllte Stadion zu verschaffen, wird jetzt der Mannschaftsbus der Asiaten von acht Polizeifahrzeugen eskortiert. Auf einem Jeep, der das Ende der Kolonne bildet, stehen vier Polizisten mit Maschinengewehren, Helmen und kugelsicheren Westen.
Vor was oder wem wollen sie die Insassen schützen? Vor den Reportern oder den herbeigeeilten, lachenden Kindern? Ordnung scheint oberstes Gebot zu sein.
Gut, dass die Nordkoreaner bei der Fifa einen gefunden haben, der es ähnlich zackig mag. Vor Beginn des Trainings werden die Journalisten im engen Kabinentrakt versammelt, wo Gordon Glen Watson auf den Plan tritt. „Hört zu, Leute“, ruft der Fifa-Delegierte den Reportern zu, um kurz den Ablauf der folgenden Minuten zu diktieren: „Wenn Sie Fragen haben, heben sie Ihren Arm, Sie werden aufgerufen.“ Als ihm ein Kameramann zu nahe kommt, poltert der Neuseeländer: „Weichen Sie zurück. Oder wir beenden das Ganze sofort.“
Watson ist ein kantiger Typ, Marke Drill Sergeant. An seiner Seite steht die Hauptperson dieses Nachmittags: Jong Tae-se, 26 Jahre alt, mit zwölf Toren in 20 Länderspielen der treffsicherste Angreifer. Er spielt in Japans Profiliga. Das wird geduldet, um die sportliche Entwicklung zu fördern. Während Tae-se redet, bewacht ihn neben Watson eine achtköpfige Gruppe aus Polizisten und Sicherheitsbeamten. Dabei ist auch Kim-Myong Chol, der Mediendirektor des nordkoreanischen Verbands.
Seine Aufgabe wird schon bei der zweiten Frage deutlich: „Welchen Grund hat es, dass ihre Mannschaft überall so abgeschottet wird?“, will ein portugiesischer Reporter wissen. Jong Tae-se lächelt verlegen, da übernimmt Kim-Myong Chol: „Weil die Sicherheit der Mannschaft für uns das Allerwichtigste ist.“ Über Fußball darf dann wieder der Spieler sprechen. Klar, in einer Gruppe mit Brasilien, der Elfenbeinküste und Portugal sei man Außenseiter, aber keinesfalls ohne Chance. „Wir können jeden schlagen, wir glauben an das Wunder“, sagt Jong Tae-se: „Unsere Mentalität ist vergleichbar mit der der Deutschen. Auch wir geben niemals auf.“
Spieler wie er haben sich mit der Qualifikation schon jetzt Heldenstatus in der Heimat erarbeitet. Dass Jong Tae-se in Südafrika sein abgeschottetes Land vertreten kann, ist die „größte Ehre, die ich mir nur vorstellen kann“. Noch schwieriger als ein Sieg gegen Brasilien dürfte aber die zweite Aufgabe der Spieler sein.
„Politik und Sport – das sind unterschiedliche Dinge, wir wollen das Image Nordkoreas verändern“, sagte Jong Tae-se.
Dafür übrigens müssen auch die Chinesen herhalten. Weil keine Fans aus der Heimat mitreisen durften, spendierte Nordkorea Peking 1000 Freikarten für die Vorrundenspiele. Einzige Bedingung: Die Chinesen müssen Nordkorea lautstark unterstützen.
Ob sie das tun? Nach Angaben aus Peking wurden unlängst drei Chinesen von nordkoreanischen Grenzern erschossen. Die Regierung protestierte offiziell.





