Es ist heiß hier, Hochsommer, jeden Tag 30 Grad und mehr. Am Mittwoch aber brach bei vielen Gästehausbesitzern am Kap der kalte Schweiß aus. Mir nichts, dir nichts, stornierte Match, der Zimmerservice der Fifa, rund eine halbe Million Übernachtungen, die für die WM gebucht waren. Das war ein Schock und gleichwohl legal, denn die Verträge des Fußball-Weltverbandes – deutsche Hoteliers hatten ihre südafrikanischen Kollegen gewarnt – verteilen das Risiko ungleich. Gerade die Besitzer kleinerer Häuser, die in Südafrika als „B+B“ (Bed and Breakfast) geführt werden, haben viel in die Renovierung gesteckt, um den Auflagen zu genügen – dumm gelaufen. Als ich einen alten Bekannten in seinem Gästehaus in Seapoint anrufen wollte, wurde mir vom Empfang gesagt, er habe sich mit einer Flasche Whisky in die dunkelste Ecke der Bar zurückgezogen…
Nicht erst jetzt wird begonnen, an den Prognosen zu zweifeln. Von 450.000 Besuchern wurde immer gesprochen, jetzt ist oft von der Hälfte die Rede. Das Turnier in Südafrika wird wohl das schwierigste Event, das die Fifa jemals veranstaltet hat. Der Globus erholt sich soeben von der Finanzkrise, die Arbeitslosigkeit grassiert, und dann kostet die Fernreise nach Südafrika viel Geld. Ganz zu schweigen von den immer neuen Sicherheitsdiskussionen. Uli Hoeneß will zu Hause bleiben, aber Diego Maradona und Franz Beckenbauer urteilen: „Südafrika ist allerbestens vorbereitet.“
Eines der Probleme der Republik am Kap: Es handelt sich um ein riesiges Land mit vielen Austragungsorten. Realistisch sind da Flüge, nur ausnahmsweise geht’s auch mal mit Bus oder Mietauto. Einstmals hatte Fifa, bei den Vorbereitungen für das erste Turnier auf dem schwarzen Kontinent, die löbliche Absicht geäußert, möglichst viele Menschen in das Spektakel einzubeziehen. Jetzt stellt sich heraus, dass die lokalen Airlines abkassieren wollen: Flüge von Johannesburg nach Kapstadt sind im Juni/Juli häufig teurer als ein Trip nach London.
Ähnliche Vorwürfe wurden auch der Übernachtungsbranche gemacht. Alle wollen Hauptsaison-Preise nehmen, obwohl Südafrika in einigen Monaten in den Winter geht – na gut. Aber dann haben einige Häuser außerdem für die Zeit der WM ihre Preise kräftig erhöht. Es handelt sich wohl um eine Art Poker. Da kein Hotel in Südafrika völlig ausgebucht ist, lautet die Frage: Wer zuckt zuerst?
So ähnlich ist es auch beim Ticketverkauf. Die Veranstalter mögen gar nicht glauben, wie gering das Interesse an den Spielen der Teams aus Afrika, einschließlich der eigenen Mannschaft, ist. Dabei sind die Gründe in jeder Kneipe zu hören. Die Südafrikaner sind so schlecht wie noch nie, außerdem fett und nicht fit, wie zurzeit bei den im TV übertragenen Trainingseinheiten zu sehen ist. Die erwartete Blamage bei der WM werden sich die Fans höchstens umsonst anschauen.
Dankbar hören Südafrikas verunsicherte Reiseveranstalter, was ihnen ein Deutscher unlängst im zuständigen Parlamentsausschuss in Kapstadt versprach. Botschafter Dieter Haller, ein Fußballfan mit dem Spitznamen „Kicker-Dieter“, sagte nämlich: „Die wahren Segnungen einer WM für touristische Besucherzahlen zeigt sich erst in den nächsten zwei Jahren. Das haben wir in Deutschland auch so erlebt."
Paul Schumacher hat über 20 Jahre als Korrespondent aus Afrika für den „Spiegel“ berichtet. Er lebt heute auf seiner Weinfarm bei Kapstadt.





