In Südafrika hat jeder einen Spitznamen, und er wird „Kortbroek“ („Kurze Hose“) genannt: Südafrikas Tourismusminister Marthinus van Schalkwyk, ein Weißer in der Garde überwiegend Schwarzer der Regierungspartei African National Congress (ANC). Viele haben seltsame und heute nicht mehr nachvollziehbare Spitznamen aus ihrer Kindheit oder Jugend behalten; einen meiner (mittlerweile grauhaarigen) Freunde nennen wir bis heute „Nierchen“.
Minister van Schalkwyk spricht obendrein Afrikaans, also jene Sprache, die von rebellischen schwarzen Jugendlichen bis vor einigen Jahren als „Idiom der Unterdrückung“ gegeißelt wurde; der blutige Kinderaufstand von Soweto 1976 entzündete sich, weil Schulen gezwungen waren, manche Fächer in Afrikaans zu lehren. „Kortbroek“ gehört natürlich einer neuen Generation von „Afrikanern“, wie sie in Südafrika genannt werden. Er unterstützt die mild-sozialistische Grundhaltung der politischen Herrscher und er ist – und das ist die große Gemeinsamkeit aller Südafrikaner, gleich welcher Hautfarbe – glühender Nationalist und Sportfan.
Die vielen Besucher, die in diesen Tagen, in Vorbereitung der WM am Kap landen, kriegen sich gar nicht ein, wie begeistert an jedem Freitag der sogenannte „Soccer friday“ begangen wird. Die meisten Südafrikaner, wirklich vom Tellerwäscher bis zum Präsidenten, tragen jetzt das hauptsächlich gelb-grüne Nationaltrikot – sogar der alkoholisierte Bettler in einer Straßenecke Kapstadts. „‚Bafana Bafana’ (‚Die Jungs’) brauchen uns“ lallt er etwas zusammenhanglos und weist auf seine Mütze auf dem Bürgersteig.
Van Schalkwyk zog Mitte dieser Woche vor den Abgeordneten des ehrwürdigen Parlaments in Kapstadt eine vorläufige WM-Bilanz. Der Weltverband Fifa, vor dem sonst alle hier zittern, kam allerdings dabei nicht gut weg. Vor allen Dingen der Besuchermangel aus Afrika ärgerte den Politiker; nur 11.300 Karten – das ist gerade ein Viertel des erwarteten Verkaufs – landeten auf dem Kontinent, der immerhin mit sechs Teilnehmerländern vertreten ist.
Tickets im Internet, das sei, „unverblümt und ehrlich“, sagte „Kortbroek“, eine riesige Panne, aus der die Organisatoren des nächsten Turniers „in einem sich entwickelnden Land“ lernen müssten – und wies dabei mit dem Arm nach Westen, wo Brasilien liegt. Trotzdem rechnet der Minister in Juni und Juli mit insgesamt 300.000 WM-Besuchern.
Trotz aller Widrigkeiten – Aschewolke, Finanzkrise und Streiks in Südafrika – die sich seit Monaten gegen die WM 2010 auftürmen, scheint zumindest die Berichterstattung gesichert. Erste Hundertschaften der beiden federführenden Fernsehsender ARD und ZDF haben mit dem Aufbau von Studios in Johannesburg begonnen.
Dabei ist den Mainzern ein Coup geglückt: Am Samstag wird die Kapstädterin Jo-Ann Strauss (Spitzname: „Sonnenschein“) bei Thomas Gottschalk zur Sommersendung aus Mallorca auf der Couch sitzen. Die rassige Südafrikanerin, vor zehn Jahren „Miss South Africa“, wird als „Miss ZDF vom Kap“ vorgestellt. Ein Trost für Südafrika, wenn schon „Bafana Bafana“ in der Vorbereitung quälend schlecht gespielt hat. Das Land hat nicht nur die meisten Nobelpreisträger in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht, sondern auch die meisten Schönheitsköniginnen.
Paul M. Schumacher hat über 20 Jahre als Korrespondent aus Afrika für den „Spiegel“ berichtet. Er lebt heute auf seiner Weinfarm bei Kapstadt.





