Nach der großen Show des kleinen Lionel Messi wollte Jens Lehmann lieber nichts sagen. Mit ernster Miene, eine Banane in der Hand und die iPod-Stöpsel im Ohr, verzog sich der Torhüter des VfB Stuttgart im Mannschaftsbus. „Das zeigt nur, dass er mehr von uns erwartet hat“, versuchte Nationalspieler Cacau den wortlosen Abgang des Mitspielers zu erklären.
Was Lehmann nach dem demütigenden 0:4 (0:2) gegen den FC Barcelona nicht mehr öffentlich kommentieren wollte, brachte vor allem Trainer Christian Gross auf den Punkt: „Es wurden uns schonungslos die Grenzen aufgezeigt.“
Ein klein wenig hatte der VfB Stuttgart nach dem tatsächlich sehr respektablen 1:1 im Hinspiel drei Wochen zuvor davon geträumt, gegen die beste Mannschaft der Welt doch noch ins Viertelfinale der Champions League einziehen zu können. Doch die Sensation gegen den Klub-Weltmeister und Titelverteidiger lag nicht mal ansatzweise in der Luft.
„Diesmal hat sich der Klassenunterschied gezeigt“, sagte Sportvorstand Horst Heldt. Doch das lag nicht zuletzt daran, dass der VfB wie von allen guten Geistern verlassen schien. „Kein Mut“, „nur zugeschaut“, „zu viel Respekt“, stellte Heldt fest.
Kompakt und aggressiv wollte der derzeitige Tabellen-Neunte der Fußball-Bundesliga im Camp Nou antreten - und machte vor 5000 mitgereisten Anhängern unter den 88.435 Zuschauern dann genau das Gegenteil. Nachher wussten es alle besser. „Vielleicht hätten wir ja ein Stück weit härter sein und auch mal einen umhauen müssen“, sagte Abwehrspieler Stefano Celozzi. „Wir waren vorbereitet, aber wenn man nicht aggressiv spielt und nicht in die Zweikämpfe geht, nützt das nichts“, erklärte Sami Khedira und bekannte ernüchtert: „Wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht.“
DFB-Sportdirektor Matthias Sammer nahm die Darbietung seines Ex-Klubs persönlich. „Was der VfB macht, ist Kindergarten-Fußball. Ich bin stocksauer“, sagte der Sky-Experte.
Kein Wunder, dass sich Lehmann nach seinem vermutlich letzten internationalen Spiel nicht äußern wollte. Seine Vorderleute luden den FC Barcelona fömlich ein zum Toreschießen. Vor allem Messi war angesichts seiner erstaunlich großen Freiheiten nicht zu bremsen. Die Treffer zum 1:0 (13.) sowie zum 3:0 (60.) erzielte der alle überragende kleinwüchsige Argentinier selbst, das 2:0 durch Pedro Rodriguez (22.) leitete er zusammen mit dem starken Yaya Toure ein, den Schlusspunkt setzte der gerade eingewechselte Jungstar Bojan Krkic (89.). Und Lehmann, der sich zwischenzeitlich mal wieder mit einem Balljungen angelegt hatte, verhinderte sogar noch Schlimmeres.
Sportvorstand Heldt war nach dieser Demütigung um Haltung bemüht. „Man darf jetzt nicht alles in Frage stellen“, betonte er, „wir haben unsere Ziele in der Champions League erreicht.“ Das mag in der Tat richtig sein, doch um die Zukunft des VfB Stuttgart ist es trotzdem nicht zum Besten bestellt. Die Schwaben wollten sich in Europa etablieren, nun müssen sie wohl erst mal ein Jahr aussetzen. Die Champions League ist praktisch nicht mehr zu erreichen, selbst von Rang sechs, der am Ende der Saison zur Teilnahme an der Europa League reichen könnte, trennen die Stuttgarter sieben Punkte.
Die Chance auf das Mitwirken in der zweiten europäische Liga will Trainer Gross so gut es geht nutzen, deshalb rief er das Spiel am Samstag gegen Hannover 96 sogleich zum Charaktertest aus. „Die Mannschaft muss jetzt ihren Stolz zeigen“, sagte der Schweizer und betonte: „Ich werde selbstverständlich an die Ehre appellieren. Wir sind jetzt in der Pflicht.“ Die Spieler rafften sich pflichtgemäß zu ähnlichen Ankündigungen auf. „Wir müssen gewinnen, um vielleicht noch die internationalen Plätze zu erreichen“, sagte etwa Cacau. Er gestand aber auch: „Wir müssen diese Niederlage erst mal verdauen.
Europa oder nicht - die Ungewissheit dürfte sich auch auf die anstehenden Vertragsverhandlungen auswirken, die Heldt führen muss. Etwa mit Cacau, oder mit Sami Khedira, der einen Vertrag bis 2011 besitzt, aber sicherlich auch im nächsten Jahr gerne international spielen möchte. „Die Planungen laufen“, sagte Heldt, „wir müssen sehen, wer kann und will uns im nächsten Jahr helfen, und mit wem wollen wir weiter zusammenarbeiten.“ Gemessen an der Leistung von Barcelona müsste er die ganze Mannschaft austauschen. Mit Ausnahme vielleicht von Lehmann.




