Für Ruud van Nistelrooy gab es am Mittwoch kein schnelles Entkommen. Der Superstar des Hamburger SV hatte den Weg aus der Kabine zum Parkplatz unbehelligt hinter sich gebracht, doch kaum saß er im Auto, stürmten die Fans herbei. Van Nistelrooy trat auf die Bremse, ließ das Fenster herunter und schrieb geduldig Autogramme. „Hau rein, Ruud. Wir brauchen dringend deine Tore“, rief ihm ein Anhänger zu. Der Niederländer lächelte, nickte zustimmend und streckte den Daumen nach oben, ehe er davonbrauste.

In der Bundesliga steckt der HSV in der Krise, die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia ist nach der jüngsten Heimniederlage gegen Mainz (0:1) auf den siebten Platz zurückgefallen – und droht die fest eingeplante Qualifikation für den internationalen Wettbewerb zu verpassen. Van Nistelrooy nervt das, daraus macht der 33-Jährige kein Geheimnis. „Natürlich hatte ich mir mehr erhofft. Ich wollte mit dem HSV um den Titel oder zumindest die Champions League kämpfen. Aber man kann nicht immer haben, was man sich wünscht.“

In der vergangenen Winterpause entschied er sich, Real Madrid zu verlassen. Eine Reihe von Angeboten lagen ihm vor, aus Englands Premier League, aus Italiens Serie A. Doch van Nistelrooy entschloss sich für einen Wechsel zum HSV, in die Bundesliga. „Ich habe ganz bewusst Hamburg gewählt, weil ich das Gefühl hatte, dass bei diesem Verein etwas entsteht, dass etwas entwickelt wird. Und davon bin ich absolut überzeugt. Ich werde meinen Teil dazu beitragen.“

Die Sorgen und Nöte, die auf der Zielgeraden der Meisterschaft entstanden sind, sollen jedoch für 90 Minuten beiseite geschoben werden. Denn in der Europa League ist der HSV weiter auf Kurs. Donnerstagabend (21.05 Uhr) treffen die Hamburger im Halbfinal-Hinspiel auf den FC Fulham.

„Wir haben ein großes Ziel vor Augen, werden mit Herz spielen, alles geben“, versprach van Nistelrooy vor dem Duell mit dem Favoritenschreck. Auf dem Weg in die Vorschlussrunde hat der Tabellenzehnte der Premier League unter anderem Titelverteidiger Schachtjor Donezk, Juventus Turin und den Deutschen Meister VfL Wolfsburg bezwungen.

Van Nistelrooy hat Respekt vor Fulham („Sie sind sehr gefährlich“), mit dem Gegner verbindet er jedoch positive Erinnerungen: „In meinem ersten Spiel für Manchester United haben wir Fulham 3:2 besiegt, und ich zwei Tore gemacht. Das vergesse ich nicht, auch wenn es neun Jahre her ist.“

Die Erfahrung aus seiner Zeit in Manchester und bei Real Madrid dient nicht nur als Motivation, sie hilft auch dabei, die aktuell so angespannte Situation in der Hansestadt durchzustehen. „Im Fußball gibt es solche Phasen. Es geht nicht immer nur steil bergauf“, sagte Ruud van Nistelrooy. Dass die Hamburger Mannschaft zuletzt von den eigenen Fans ausgepfiffen wurde, nimmt er gelassen: „In Madrid haben 90?000 Leute nach fünf Minuten gepfiffen. Die Anhänger haben das Recht dazu. Ich habe zu den anderen Jungs gesagt: ‚Es liegt allein an uns. Wenn wir gut spielen, haben alle Spaß.’ Das ist doch eine gute Idee, oder?“

Trotz der angespannten Lage, trotz der schlechten Stimmung im Umfeld, van Nistelrooy freut sich „wie ein kleiner Junge“ auf die Partie gegen Fulham. Dass der HSV zuletzt sogar gegen Mainz – bis dahin die schlechteste Auswärtsmannschaft der Bundesliga – verlor, spiele keine Rolle: „Das hat nichts miteinander zu tun, das ist völlig unabhängig voneinander zu betrachten. Wir wissen, worum es geht.“

Der Niederländer ist ganz besonders heiß auf einen Triumph in der Europa League, denn bislang fehlt dem Angreifer ein internationaler Titelgewinn. „Klar, dieses Gefühl will ich unbedingt erleben, das ist für jeden Fußballprofi die Schlagsahne auf dem Kuchen.“

Ebenso wie die Hamburger Anhänger setzt auch Bruno Labbadia große Hoffnungen in van Nistelrooy, der im Verlauf seiner Karriere „gerade in der Champions League so manche Schlacht geschlagen hat“, wie es der Trainer des HSV ausdrückte: „Ruud wird ein wichtiger Faktor sein, allein schon wegen seiner Präsenz auf dem Platz. Damit hilft er seinen Nebenleuten – und der Gegner hat Respekt vor ihm. Das ist immer zu spüren.“

Nun hat sich van Nistelrooy vorgenommen, auch Labbadia zu helfen. Dass Unruhe herrsche, sei normal, „so ist das eben, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Aber ich bin sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagte der Angreifer, der die Niederlage gegen Mainz zwar als „bitteren Rückschlag“ bewertete, darin aber keinen Trend erkennen mag: „Zuvor in Lüttich und in Bochum haben wir gezeigt, dass wir die Moral haben, auch in schwierigen Situationen zurückzukommen und aufzustehen.“

Dabei kämpft van Nistelrooy nicht nur für den Erfolg des HSV, sondern auch um die Erfüllung eines persönlichen Traums: die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Südafrika. „Es wird sich bestimmt bald ergeben, dass ich mit Nationaltrainer Bert van Marwijk über dieses Thema sprechen kann.“