Das Frühstück hatte ihm bereits geschmeckt. Nun folgte noch ein Nachtisch der besonderen Art. Es war kurz vor halb elf, als Rene Adler am Montagmorgen im „The Central Hotel“ zu München das Zimmer von Bundestrainer Joachim Löw betrat, der dort mit seinem Assistenten Andreas Köpke wartete. Das Duo hatte eine Richtung weisende Botschaft für den Torhüter von Bayer Leverkusen: Sie informierten Adler darüber, dass er am Mittwoch im Länderspiel gegen Argentinien (20.45 Uhr, Morgenpost Online live) spielen und damit auch die deutsche Nummer bei der WM in Südafrika sein wird.

100 Tage vor dem Start der WM (11. Juni bis 11. Juli) sind die Würfel in der seit rund zwei Jahren andauernden Torwart-Diskussion also gefallen: Rene Adler (25) ist die neue Nummer eins und folgt damit auf namhafte deutsche Nationaltorhüter wie Toni Turek, Sepp Maier, Toni Schumacher, Oliver Kahn und auch Jens Lehmann.

Adler wirkte erleichtert und strahlte wie die Sonne am Montag über München. „Es ist eine Herausforderung für mich, für ein Land zu spielen, in dem es seit Generationen herausragende Torhüter gibt. Ich arbeite daran, selbst ein großer Name zu werden“, sagte der achtmalige Nationalspieler. Nur ein Formtief oder eine Verletzung können seinen WM-Traum jetzt noch gefährden. „Rene hat es nun selbst in der Hand“, sagte Andreas Köpke. Der Europameister von 1996 ist seit 2004 für die deutschen Nationaltorhüter verantwortlich.

Mit dem Bundestrainer hatte sich Köpke am Sonntagabend nach der Ankunft in München noch einmal beraten, ehe die Wahl auf Adler fiel. Nachdem der 25-Jährige in Kenntnis gesetzt wurde, informierten die Trainer natürlich noch dessen Konkurrenten Manuel Neuer von Schalke 04. „Das sind Gespräche, die nicht so angenehm sind. Manuel hat aber Verständnis gezeigt, auch wenn er nicht erfreut und logischerweise sehr enttäuscht war“, sagte Köpke, der allerdings keinen Kontakt zu Tim Wiese aufnahm. Der Bremer, Dritter im Bunde der deutschen Torhüterriege, ist derzeit verletzt.

Dass die Entscheidung zu Gunsten von Adler gefallen ist, hat der Leverkusener vor allem seinen zwei hervorragenden Spielen in der WM-Qualifikation gegen Russland (2:1, 1:0) zu verdanken. Diese beiden Partien hätten laut Bundestorwarttrainer Köpke den Ausschlag gegeben. Eine Entscheidung, die auch Oliver Kahn sehr gut nachvollziehen kann. Adler hätte nach Auffassung des 86-maligen Nationaltorhüters und WM-Zweiten von 2002 in diesen Spielen nachhaltig gezeigt, dass man sich auf ihn verlassen könne. „So etwas vergisst ein Trainer nie“, sagte Kahn Morgenpost Online, „das waren entscheidende Spiele, in denen Rene Adler richtig gut war. Objektiv betrachtet hat Rene seine Sache zuletzt einfach sehr gut gemacht und sich deshalb auch das Vertrauen des Bundestrainers verdient.“

Das sieht auch Toni Schumacher so. Das deutsche Tor sei mit Adler, Neuer und Wiese grundsätzlich in guten Händen, wie der WM-Zweite von 1982 und 1986 auf Anfrage erklärte. „Aber Rene Adler hat einen Bonus, weil er in kurzer Zeit schon sehr gute Länderspiele bestritten hat und auch in der Liga bei Leverkusen auf höchstem Niveau gute Leistungen zeigt.“ Auch für Uli Stein, WM-Teilnehmer von 1986 und sechsmaliger Nationaltorhüter, ist Adler zu Recht die erste Wahl. „Er hat in den vergangenen Monaten fast durchweg überzeugend gespielt“, so Stein.

Mit dem gebürtigen Leipziger hat die deutsche Nationalmannschaft nun endlich wieder eine Nummer eins. Denn nach dem Rücktritt von Jens Lehmann im Anschluss an die Europameisterschaft 2008 war diese Position bis Montag quasi vakant. Auch wenn Adler spätestens seit dem Selbstmord des früheren Hannoveraner Torhüters Robert Enke im November des vergangenen Jahres als heißer Kandidat für die Nummer eins galt. Zuvor war Enke lange Zeit vom Bundestrainer favorisiert worden.

Adler, der mit seinen Kollegen Montagnachmittag auf dem Gelände des FC Bayern trainierte, ist überzeugt, dass er seinen Status bis zum Saisonende mit guten Leistungen für den Meisterschaftsaspiranten Bayer Leverkusen untermauern wird. „Ich bin zuversichtlich und auch selbstbewusst, dass mir das gelingt“, sagte Adler. Dass sich die Trainer frühzeitig auf ihn festgelegt haben, müsste ihn dabei zusätzlich motivieren. Denn vor allem mental sei es etwa nach Auffassung von Oliver Kahn für einen Torhüter wichtig, „dass er weiß, woran er ist.“ Er selbst musste im Vorfeld der WM 2006 monatelang warten, bis ihm der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann mitteilte, dass er nur Ersatz sein wird.