Als die Diskussionen in vollem Gange waren, hatte der Hauptakteur schon längst das Weite gesucht. Zusammen mit seiner Frau Wahiba und seinem Berater Jean-Pierre Bernes war Franck Ribery (27) kurz vor Spielschluss davon gerauscht, um all den Fragen zu entgehen, die auf ihm zugekommen wären.
Das Einverständnis der Münchner Vereinsoberen für seine abendliche Flucht hatte er sich längst eingeholt. Ribery wollte nur weg aus der Arena im Münchner Norden, so schnell wie möglich jenen Abend hinter sich lassen, der sich scheinbar nahtlos einfügt in eine äußerst difizile Zeit des Franzosen.
Jenes Halbfinal-Hinspiel der Champions League seines FC Bayern gegen Olympique Lyon (1:0) am Mittwochabend war sowie kein normaler Arbeitstag für Ribery. All die Schlagzeilen um seine angebliche Beteiligung am französischen Sexskandal, um jene minderjährige Prostituierte, mit der er sich vergnügt haben soll, hatten die Privatperson Ribery in den Fokus gerückt. Für 90 Minuten sollte man wieder über den Fußballer Ribery reden.
Die Bayern-Fans jedenfalls hatten ihn lieb wie eh und je und empfingen ihn zum Aufwärmen mit den üblichen Symphatiebekundungen. Und es schien auch fast schon paradox, wie er auf dem Platz diese außersportlichen Turbulenzen ausblenden konnte. Er wirbelte durch die Reihen Lyons als gäbe es jene delikate Angelegenheit gar nicht. Seine Frau hatte sich demonstrativ auf die Tribüne gesetzt, sein Berater war nach München geeilt, um Harmonie im Umfeld zu vermitteln.
Bis zu jener folgenschweren Szene in der 37. Minute war Ribery auch der auffälligste Akteur. Dann aber folgte eine Aktion, die von der Tribüne scheinbar harmlos aussah, die auch seine Mannschaftskollegen anfangs als nicht sonderlich folgenschwer wahrnahmen. Schiedsrichter Roberto Rosetti jedoch hatte beste Sicht und zückte sofort die Rote Karte.
Und bei näherer Betrachtung verdiente Ribery rüdes Einsteigen gegen Lisandro Lopez jene restriktive Bestrafung, auch wenn die Meinungen darüber weit auseinander gingen. Eine viel zu harte Entscheidung befand die Vereinsführung, „vielleicht Gelb“, sagte Präsident Uli Hoeneß, „weil es ein klares Foul nach vorne war.“
„Er sieht unglücklich aus“, sagte Philipp Lahm, weil er schon äußerst lange auf dem Knöchel seines Gegenüber stand. Von „einer sehr leichten Roten Karte“ sprach Trainer Louis van Gaal, von „dunkelgelb bis hellrot“ Fanz Beckenbauer. Auf jeden Fall „ein dummes Foul“, sagte der Münchner Ehrenpräsident noch. Er könne mit der Bestrafung leben, gestand gar Arjen Robben, weil er selbst oft Empfänger solcher Attacken ist. „Es ist gut, wenn ein Schiedsrichter die Spieler schützt.“
Wie hoch das Strafmaß für Riberys Vergehen sein wird, ist noch unklar. Im Rückspiel am Dienstag in Lyon muss er definitiv aussetzen. Ob aber auch ein mögliches Finale ohne ihn stattfindet, wird die Uefa erst am Mittwoch bekannt geben. „Ich denke, dass sie bei der Uefa auch Fernsehen haben. Und dann werden sie sehen, dass das Foul nicht so hart war“, hofft Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge auf Milde.
Überhaupt müht man sich beim FC Bayern sehr, um Ribery aus der Schusslinie zu nehmen. „Der FC Bayern ist eine große Familie“, befand Rummenigge. „Und eine Familie hält zusammen.“ Manch einer spekuliert gar, dass Riberys prekäre Lage Auswirkungen auf seine beruflichen Zukunftspläne haben könne, dass die Münchner nun bessere Karten im Vertragspoker haben, weil ihr unschlüssiger Star in diesen Krisenzeiten merke, was er bei ihnen vorfindet, wie sehr er umsorgt wird. "Wir geben ihm sehr wohl das Gefühl, dass er hier gut aufgehoben ist“, sagte Kapitän Mark van Bommel. „Nicht nur diese Woche, auch die Wochen davor."
Hoeneß hatte die Causa Ribery sowieso zur Chefsache erklärt. Oberste Priorität hat für die Münchner die Verlängerung des bis 2011 gültigen Kontraktes, zumindest um drei zusätzliche Jahre. „Wir werden in Ruhe Gespräche führen“, sagte Rummenigge, der zu Gelassenheit mahnte. Ursprünglich wollte sich Ribery in den nächsten Tagen entscheiden, doch davon ist man abgerückt. Das Sportliche soll erst einmal im Vordergrund stehen. Noch habe man ja genügend Zeit.
Einige Interessenten seien vielleicht auch gar nicht mehr so interessiert, hieß es jüngst, auch aufgrund der Meldungen über Riberys ausschweifendes Privatleben. Nun werden sicherlich nicht moralische Bedenken den einen oder anderen Mäzen wie Real Madrids Florentino Perez von einem Erwerb eines Stars abhalten. Doch große Spieler und deren Marktwert werden in großen Spielen ermittelt. Eine Verbannung auf die Tribüne ist dafür nicht zuträglich.
Ribery hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass eines seiner großen Karriereziele der “Goldene Ball“ ist, jener Pokal für Europas Fußballer des Jahres. „Dafür“, sagte er „muss man in der Champions League weit kommen, am besten bis ins Finale.“ Ob ein mögliches Endspiel der Münchner im Mai mit ihm stattfindet, liegt allerdings nicht mehr in seiner Hand. „Sollten wir es in Lyon schaffen“, sagte Philipp Lahm, hoffe er einen Tag später auf einen positiven Bescheid in der Causa Ribery durch die Uefa, „nicht nur für uns, sondern für den gesamten Fußball."




