Anni Friesinger-Postma sorgt kurz vor den Olympischen Spielen für mächtig Wirbel: Die zweimalige Olympiasiegerin kritisierte die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) aufgrund der Wahl des Team-Arztes für die Spiele in Vancouver scharf und zog sich dadurch den Ärger von DESG-Präsident Gerd Heinze zu. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte auf Vorschlag der DESG Gerald Lutz als betreuenden Arzt für das deutsche Eisschnelllauf-Team nominiert.
„Ich fühle mich im Stich gelassen“, sagte die 33-Jährige der "Süddeutschen Zeitung": „Ich bin enttäuscht von der Verbandsspitze. Sie hat mir in dem Punkt keinerlei Unterstützung zukommen lassen.“ Weiter erklärte sie, dass sie zu Lutz kein Vertrauen habe und sich in Vancouver nicht von ihm behandeln lassen werde.
Lutz hatte Friesingers Rivalin Claudia Pechstein bei der Mehrkampf-WM im norwegischen Hamar im Februar 2009 eine falsche Diagnose gestellt. Angeblich reiste Pechstein damals wegen eines fiebrigen Infektes ab. In Wahrheit aber stieg Pechstein aus dem Wettbewerb aus, nachdem sie vom Eislauf-Weltverband informiert worden war, dass sie auffällige Blutwerte habe. Lutz hatte in Hamar von einem „klaren Fall“ von Influenza-Grippe gesprochen und damit die Öffentlichkeit belogen.
DESG-Präsident Heinze reagierte ungehalten auf die Äußerungen Friesinger-Postmas. „Ich weiß nicht, warum sie sich nun öffentlich Luft macht. Es gibt eine einvernehmliche Regelung mit dem DOSB“, sagte Heinze: „Wir werden uns ernsthafte Gedanken über Konsequenzen für Friesinger-Postma machen.“
Bernhard Schwank, deutscher Chef de Mission in Vancouver, bestätigte dem SID, dass zur Personalie Lutz auch mit Friesinger-Postma Gespräche geführt worden seien. Darin wurden der 16-maligen Weltmeisterin Zugeständnisse gemacht. „Wir haben einen weiteren Arzt in unserem Team in Vancouver, der ein ausgewiesener Kniespezialist ist und sich statt Dr. Lutz um sie kümmern wird“, sagte Schwank, der die Aussagen Friesinger-Postmas nicht kommentieren wollte.
Friesinger hätte in Vancouver gerne den in München praktizierenden Orthopäden Volker Smasal an ihrer Seite gehabt. Smasal war bis 2006 langjähriger Verbandsarzt und hatte die Sportlerin auch 2008 am Knie operiert. „Wir haben mit Anni Friesinger-Postma außerdem verabredet, dass wir Dr. Smasal einfliegen lassen würden, sollte sie es für nötig halten“, sagte Schwank.
Smasal übte gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" derweil ebenfalls Kritik am Verband. Im Umgang mit dem Fall Pechstein sei vom Arzt und Verband „eine Dopingmentalität“ gezeigt worden. Er könne nachvollziehen, wenn dies einige Athleten als nicht vertrauensbildend empfänden. Diese Aussagen seien „nicht auszuhalten“, sagte Heinze.
Der DESG-Boss betonte, dass die Mehrheit des Teams Vertrauen zu Lutz habe. Nach Heinzes Ansicht solle sich Friesinger-Postma „vernünftig auf die Olympischen Spiele konzentrieren“. Bei Team-Olympiasiegerin Daniela Anschütz-Thoms stießen Friesinger-Postmas Aussagen auf Unverständnis: „Ich kann ihre Kritik überhaupt nicht nachvollziehen. Herr Dr. Lutz ist über jeden Zweifel erhaben und für uns alle 24 Stunden am Tag in jeder Lebenslage da.“
Das deutsche Eisschnelllauf-Team fliegt am Donnerstag nach Vancouver, lediglich Friesinger-Postma reist erst am 8. Februar nach Kanada.
sid/fb





