Irgendwie hatte Jupp Heynckes etwas geahnt. In den letzten fünf Minuten des Spiels tigerte der Trainer von Bayer Leverkusen durch seine Coachingzone, rief Anweisungen und schaute immer wieder nervös auf die Uhr. Als seine Befürchtung eingetreten war und Werder Bremen durch Per Mertesacker in der Schlussminute zum 2:2 ausgeglichen hatte, sackte Heynckes auf seinem Stuhl zusammen und schüttelte den Kopf.
Doch zum Trauern gibt es trotz des Verlusts von zwei Punkten keinen Grund in Leverkusen. Im Gegenteil: Der Werksklub ist seit Saisonbeginn unbesiegt, die 23 Spiele ohne Niederlage bedeuten die Einstellung des Saisonrekordes, der bislang von Bayern München gehalten wurde. Es ist nicht der einzige Bereich, in dem Bayer an Bayerns Vormachtstellung rüttelt.
Dank der Leverkusener ist der Kampf um die Meisterschaft derzeit hochspannend. Durch das Unentschieden in Bremen holte sich die Mannschaft von Heynckes den ersten Tabellenplatz zurück, auf den die Münchner sich für eine Nacht geschoben hatten. Ein einziges Tor trennt die beiden Konkurrenten, und es wurmt den Rekordmeister gewaltig, seit nun mittlerweile 57 Spieltagen von seinem natürlichen Biotop ferngehalten zu werden – von Platz eins.
Doch in Leverkusen ist etwas entstanden, was in den vergangenen Jahren stets fehlte und den Sprung nach ganz oben verhinderte: Bayer glaubt plötzlich an die eigene Stärke. Zwar mischen die Rheinländer mittlerweile schon fast traditionell in der oberen Tabellenregion mit. Doch bislang folgten auf rasante Aufstiege meist ebenso gravierende Abstürze. In der vergangenen Saison lauerte Bayer zur Winterpause noch drei Punkte hinter dem Spitzenreiter auf Platz fünf. Doch in der Rückrunde kamen zu den 32 Punkten nur noch 17 weiter Zähler hinzu – der Klub stürzte aus den Europapokalrängen und beendete das Spieljahr auf Rang neun.
Von dem alten Übel scheint Heynckes das Team befreit zu haben. Auch, weil er nicht das Duckmäuserische seiner Vorgänger übernommen hat. Die weigerten sich beharrlich, Bayer als Spitzenmannschaft anzuerkennen. Statt Selbstbewusstsein zu schüren, wurde die eigene Stärke weggeredet.
Heynckes hingegen schlägt forsche Töne an. Vor dem Spieltag hatte er gesagt: „Ich war voriges Jahr in München. Da waren sie am Ende froh, dass sie Zweiter geworden sind. Sie werden auch in diesem Jahr zufrieden sein, wenn sie wieder Zweiter werden.“ Und nach dem Remis in Bremen, wo Leverkusen von 30 Spielen nur drei gewinnen konnte, sagte er: „Wir sind jetzt so weit, dass wir mit einem Unentschieden in Bremen unzufrieden sind. Das zeigt das Anspruchsdenken des Teams. Die Mannschaft ist nun da, wo ich sie haben wollte.“
Die neue Stärke haben auch die Spieler bereits verinnerlicht. Innenverteidiger Manuel Friedrich zum Beispiel schimpfte nach dem Spiel auf den Gegner, der in den vergangenen Jahren stets mit den gleichen Ansprüchen wie Leverkusen angetreten war: „Die können doch nur Standards und hohe Bälle. Wenn wir das 3:1 machen, ist hier alles entschieden.“
Selbst der grobe Patzer von Nationaltorwart Rene Adler, der beim ersten Gegentreffer den Ball durch die Beine flutschen ließ, verunsicherte weder den Schlussmann noch seine Vorderleute. „Toll, wie Rene nach diesem Fehler die Nerven bewahrt hat und noch starke Paraden gezeigt hat“, sagte Bayer-Sportdirektor Rudi Völler der Morgenpost Online. Von der Meisterschaft möchte er allerdings noch nicht sprechen: „Wir stehen zu Recht dort oben und haben unser Saisonziel vom Platz in der Europa League auf eine Teilnahme an der Champions League erhöht. Aber die Bayern gehören zu den besten fünf Mannschaften Europas, sie können die Champions League gewinnen. Da ist klar, wer der Favorit ist.“
Wenn Leverkusen am Samstag im Lokalderby gegen den 1. FC Köln nicht verliert, wäre zumindest der ewige Startrekord von den Bayern übernommen. Der datiert aus der Saison 1988/1989. Münchens Trainer damals: Jupp Heynckes.




