Noch einmal Freistoß, in der dritten Minute der Nachspielzeit. „Letzte schwierige Aktion für Bremen, wenn die jetzt noch ein Tor kassieren, dann müssen sie die alle in die Anstalt bringen.“ Es passierte nichts mehr – Werder Bremens 2:2 beim AC Mailand, das war die große Bühne für die Hörfunk-Reporter Henry Vogt und Heiko Neugebauer. Im Radio übertrug die ARD live, die Ticker im Internet erlebten Rekordzugriffe. So waren bei WELT ONLINE die Zugriffszahlen auf den Live-Ticker am Donnerstag doppelt so hoch wie bei den Champions-League-Partien am Mittwoch. Denn die Tore im Giuseppe-Meazza-Stadion bekam im deutschen TV kein Zuschauer vorgesetzt. Das Wunder von Bern vor fast 55 Jahren war mehr Fernsehereignis als Bremens Überraschungsunentschieden in Italien.
Am Donnerstagabend war Kino im Kopf gefragt, viel Fantasie gefordert, um den dramatischen Spielverlauf nachzuvollziehen. Wie Torsten Frings erst bei einem Freistoß von David Beckham die Finger an den Ball bekam und dann Andrea Pirlo den Elfmeter zur Führung verwandelte (26. Minute). Wie kurz darauf Alexandre Pato (32.) "sehens"wert zum 2:0 traf. Wie Claudio Pizarro durch zwei Tore nach der Pause (68./78.) der Ausgleich gelang. Und wie die Bremer während der 90 Minuten reihenweise „Riesenchancen“ (O-Ton Vogt) ausließen: Hugo Almeida, Mesut Özil und sogar Per Mertesacker.
Am Ende nutzte das Team von Trainer Thomas Schaaf doch noch die „Riesenchance“ aufs Achtelfinale. Das 2:2 in Italien reichte nach dem Hinspielremis im Weserstadion. Ungeschlagen flog der AC Mailand aus dem Wettbewerb. Allerdings: Der Uefa-Cup war für die Italiener nur eine lästige Pflichtveranstaltung, die schmerzhafte Strafe für die verpasste Champions-League-Qualifikation in der Serie A. Die Enttäuschung über das Uefa-Cup-Aus dürfte sich in Grenzen halten.
Im Übrigen befinden sich die Beckhams und Pirlos in bester Gesellschaft. Der FC Valencia, Aston Villa, Tottenham Hotspur, Sampdoria Genua und AC Florenz – sie alle verpassten das Uefa-Cup-Achtelfinale. Stattdessen sind noch drei ukrainische und zwei russische Klubs im Rennen. Außerdem: Die Dänen von Aalborg BK besiegten den Favoriten Deportivo La Coruna aus Spanien zweimal deutlich, und Sporting Braga überraschte Standard Lüttich, das Überraschungsteam der Gruppenphase. Faszination K.o.-Spiele.
So stehen Werder Bremen und der Hamburger SV nun im Fokus des deutschen Interesses: Die verbliebenen Bundesliga-Klubs sind wieder einmal die Favoriten auf den Sieg in der zweiten europäischen Liga – diesmal zusammen mit Titelverteidiger Zenit St. Petersburg, Ajax Amsterdam, Manchester City und Paris St. Germain.
Ein deutscher Verein schaffte es ja in den vergangenen drei Jahren auch immer sehr weit im Wettbewerb. Der FC Bayern schied 2008 im Halbfinale gegen den späteren Sieger aus. Der FC Schalke 04 scheiterte 2006 in der Vorschlussrunde erst in der Verlängerung am FC Sevilla. Die Spanier gewannen das folgende Endspiel gegen einen völlig überforderten FC Middlesbrough glatt mit 4:0.
Doch das Phänomen Middlesbrough gibt es im Uefa-Cup jedes Jahr: Es ist der besondere Reiz des Wettbewerbs, dass es Mannschaften, die den Uefa-Cup als ihre persönliche Bühne auserkoren haben, allein mit großem, unbändigem Willen bis ins Endspiel schaffen können. In den vergangenen beiden Jahren war Werder Bremen Opfer dieses Phänomens. Vor einem Jahr patzte Torwart Tim Wiese im Achtelfinal-Hinspiel doppelt – 0:2 in Glasgow. Im Rückspiel verteidigten die Rangers bedingungslos, ließen nur ein Gegentor zu – und wurden erst im Finale von Zenit St. Petersburg gestoppt.
Im Mai 2007 schieden die hochfavorisierten Bremer im Halbfinale gegen Espanyol Barcelona aus. Auswärts 0:3, im Weserstadion 1:3. Es waren die Tage, an denen Miroslav Klose am Flughafen von Hannover heimlich mit dem FC Bayern über einen Wechsel nach München verhandelte. Konzentration ist eben alles: In Mailand waren die Bremer endlich einmal fokussiert – und belohnten sich mit dem Achtelfinal-Einzug.
Werder jetzt gegen St. Etienne
In der nächste Runde trifft Werder zuerst im Weserstadion auf den AS St. Etienne (12./18. März). In der französischen Liga stehen die Franzosen auf einem Abstiegsplatz und haben eigentlich andere Sorgen, als im Uefa-Cup um den Einzug in die Runde der letzten Acht zu kämpfen. Doch es ist wieder genau die Art von Gegner, die für das Schaaf-Team so gefährlich ist.
Der Hamburger SV, der nach dem Hin- auch das Rückspiel gegen den NEC Nijmegen mit 1:0 durch ein Tor von Ivica Olic (9.) gewann, trifft ebenfalls auf einen angeschlagenen Gegner. Galastasaray Istanbul entließ nach dem 2:5 beim Tabellenvorletzten Kocaelispor Trainer Michael Skibbe. In der türkischen Süper Lig steht der Titelverteidiger auf Platz fünf, acht Punkte hinter der Tabellenspitze.
Galatasaray in der 90. Minute weiter
Aber Europa ist etwas anderes, hier muss der Moment auf deiner Seite sein – so wie am Donnerstag beim entscheidenden 4:3 von Sabri Sarioglu gegen Girondins Bordeaux in der 90. Minute. Dieser Sabri ist übrigens der türkische Rechtsverteidiger, der Philipp Lahm im EM-Halbfinale auf der linken deutschen Abwehrseite von einer Verlegenheit in die nächste stürzte.
Galatasaray ist eine schwierige, aber trotzdem lösbare Aufgabe für den Hamburger SV. Die in der Bundesliga ähnlich gut platzierten Berliner scheiterten auch wegen der unglücklichen 0:1-Heimniederlage gegen die Türken in der Uefa-Cup-Gruppenphase.
Im Hinspiel in Hamburg dürfte die türkische Defensive um den Ex-Stuttgarter Fernando Meira darauf bedacht sein, das 0:0 zu verteidigen. Und über die cleveren Lincoln und Harry Kewell sowie den schnellen Milan Baros geht vielleicht auch etwas bei schnellen Konterangriffen. Der großer Vorteil der Türken und die beträchtliche Bewährungsprobe für den Hamburger SV wird allerdings das Rückspiel (18. März) im ausverkauften Ali-Sami-Yen-Stadion.
Dann hoffentlich mit Live-Bildern im deutsche Fernsehen. Die Kollegen Vogt und Neugebauer werden diesen Wunsch verschmerzen können.




