Zumindest eine kleine Unklarheit in der Kieler Korruptionsaffäre ist seit Montag beseitigt. Der Schwede Ola Lindgren von Zwangsabsteiger HSG Nordhorn-Lingen wird von der neuen Saison an die Rhein-Neckar Löwen trainieren.
Was vordergründig nur wenig zu tun haben mag mit den Manipulationsvorwürfen gegen den Handball-Rekordmeister THW ist doch eine wegweisende Personalie. Denn ursprünglich sollte Zvonimir Serdarusic bei den Löwen anheuern, doch nachdem er Bestechungspraktiken bei seinem ehemaligen Klub Kiel preisgegeben hatte, nahmen die Gesellschafter seines neuen Arbeitgebers Abstand von der geplanten Verpflichtung des erfolgreichsten Bundesligatrainers.
Die Klärung der Vakanz auf der Trainerbank vier Wochen nach der offiziell verkündeten Vertragsauflösung kommt recht rasch angesichts des sonstigen Tempos in der Affäre um vermeintlich verschobene Europapokalspiele des THW Kiel. Obwohl Staatsanwalt Uwe Wick am Montag das sagte, was er seit Tagen sagt („Wir sind mit Hochdruck dabei“), verläuft die Aufklärung schleppend. Und vor allem die Funktionäre legen ein seltsam zurückhaltendes Gebaren an den Tag. Im Handball, so scheint es, funktionieren alte Allianzen besonders in Krisenzeiten recht verlässlich.
Ein diffuses Bild
Die Handball-Bundesliga (HBL) etwa gab im Fall ein diffuses Bild ab, als sie angesichts des möglicherweise manipulierten Champions-League-Finales 2007 zwischen Kiel und Flensburg rasch Untersuchungen anstrengte, diese aber nach drei Tagen mit dem Ergebnis beendete, die Gerüchte hätten sich als haltlos erwiesen. Als sich die Faktenlage kurz darauf verschärfte und neue Vorwürfe um systematische Schiedsrichterbestechungen durch den THW aufkamen, verweigerte HLB-Präsident Reiner Witte eine Neuaufnahme der Untersuchungen: „Das sind nur neue Gerüchte und Spekulationen“, sagte er.
Vielleicht mag Witte dabei an seinen Kumpel Uwe Schwenker gedacht haben. Mit dem Kieler Manager verbindet den Rechtsanwalt aus Langwedel (Niedersachsen) eine langjährige Freundschaft. Beim ATSV Habenhausen erlernte Witte einst das Handballspielen – angeleitet von Hinrich Schwenker, Uwes Vater. Später spielten Witte als Torwart und Schwenker junior als Linksaußen beim TV Grambke-Bremen gemeinsam in der Bundesligamannschaft. Auch nach dem Ende der aktiven Karriere blieben sie sich nah: Innerhalb der HBL ist Schwenker Vizepräsident – was Wittes Scheu zur Aufklärung im Fall des der Untreue beschuldigten Kieler Managers erklären könnte: Wer liefert schon gern seinen Stellvertreter ans Messer?
EHF hält sich zurück
Verhalten reagierte auch der europäische Verband EHF auf die massiven Anschuldigungen gegen eines seiner prominentesten Mitglieder. Die Föderation wolle sich auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen verlassen, hieß es aus der Zentrale in Wien, wo die Kieler einen großen Einfluss genießen sollen. Immerhin gab die EHF inzwischen eine externe Analyse des umstrittenen Europapokalendspiels 2007 in Auftrag. „Wir sind abhängig von Fakten, dazu gehört eine präzise Analyse des Spiels“, sagte Geschäftsführer Michael Wiederer zu Morgenpost Online.
Heute schon will der Verband die Ergebnisse präsentieren. Es darf aber wohl damit gerechnet werden, dass sich bei der Bewertung des Spiels keine belegbaren Hinweise auf Manipulation haben finden lassen. Dieses Resultat würde all jene Freunde des THW zufriedenstellen, die die Korruptionsvorwürfe für ein riesiges Komplott halten. Zu ihnen zählt auch Hubertus Grote, einer von fünf Gesellschaftern des Vereins mit großem Einfluss. Bei der örtlichen Zeitung, den „Kieler Nachrichten“ ist Grote als Geschäftsführer aktiv. Eine pikante Liaison, die dazu geführt hat, dass das Blatt seltsam gehemmt über die Affäre berichtete und das sportliche Aushängeschild der Stadt nicht diskreditieren mochte – Allianzen fürs Leben eben.





