Josef Capousek arbeitete ein Vierteljahrhundert als Trainer für den Deutschen Kanu-Verband (DKV), davon 16 Jahre als Cheftrainer. Unter seiner Leitung gewannen die Deutschen bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen über 160 Medaillen.
Morgenpost Online: Herr Capousek, Ihr Vertrag in China läuft bis Dezember 2008 - wie viele Goldmedaillen müssen Sie gewinnen, damit er verlängert wird?
Josef Capousek: So eine Zielvorgabe hätte man mir gerne aufgedrückt, aber ich habe gleich gesagt: Die kriegt ihr nicht von mir. Zu einer guten Medaillenbilanz gehört nicht nur fleißige Arbeit, sondern auch ein bisschen Glück und eine formschwache Konkurrenz. Ich will von meinen 30 Sportlern persönliche Bestleistung sehen, daran muss ich mich messen lassen. Mein persönliches Ziel sind vier bis fünf Medaillen, welche Farbe, ist egal.
Morgenpost Online: China gilt im Kanusport als Entwicklungsland. Wie waren die Bedingungen, die Sie bei Ihrem Amtsantritt vorgefunden haben?
Capousek: Insgesamt war ich ziemlich erschüttert von der Trainingskultur. Es stimmt schon, dass hier sehr große Umfänge trainiert werden, aber mit welcher Qualität? Es ist mehr ein Abarbeiten. Die verfuhren nach der Devise: Hauptsache etwas machen, egal wann oder wie. Wenn der Sportler abends auf allen Vieren ins Bett kriechen musste, war es ein guter Tag. Wenn er noch gehen konnte, ein schlechter Tag. Es interessiert den Trainer oder Funktionär nicht, ob der Athlet mit 30 im Rollstuhl sitzt. Über ein Trainings-ABC wie die Herzfrequenz oder Laktatentwicklung als Grundlage für die Trainingsdosierung wurde hier nicht gesprochen.
Morgenpost Online: Das klingt nicht gerade nach moderner Trainingswissenschaft.
Capousek: Die suchen Sie bei vielen chinesischen Trainern auch vergeblich, das haben mir ein paar andere ausländische Kollegen für ihre Sportarten bestätigt. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel die sehr modern arbeitenden Turmspringer. Aber meist läuft es so: Den Eltern wird versprochen, dass ihre Kinder nach der Karriere einen sicheren Job bekommen, also stimmen sie zu, dass sie nach vier bis fünf Jahren Schulbesuch quasi nur noch Sport machen. Danach werden sie ohne große Bildung Trainer und geben das weiter, was ihre Trainer gemacht haben. Dieses Spielchen hat sich hier über Generationen fortgesetzt.
Morgenpost Online: Konnten Sie denn Ihre Vorstellungen vor diesem Hintergrund so einfach durchsetzen?
Capousek: Es gibt auch das andere Extrem. Im Kanusport kann man teure Anlagen kaufen, mit der die Kräfte im Boot gemessen werden. Ich bin mit meinem Dolmetscher zum zuständigen Funktionär gegangen und habe ihm gesagt, das wäre interessant für uns. Innerhalb von drei Tagen stand eine absolute Hightechanlage im Wert von mehreren Zehntausend Euro. In Deutschland hätte das Jahre gedauert.
Morgenpost Online: Entstehen mit Blick auf die Olympischen Spiele 2008 also die modernsten Trainingszentren der Welt in China?
Capousek: Der Eindruck täuscht. Neulich war eine Delegation europäischer Sportwissenschaftler eine Woche zu Besuch in Peking. Die wurden dann durch zwei Trainingszentren geführt, die zuvor wie potemkinsche Dörfer aufgerüstet worden waren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob China tatsächlich die Medaillenwertung gewinnen wird.
Morgenpost Online: In Deutschland ist der Eindruck entstanden, dass China spätestens seit der Vergabe der Spiele im Juli 2001 unbegrenzte Mittel für die Spiele investiert.
Capousek: Ja, aber der ist falsch. Wenn Sie irgendwo in der Provinz sind, fragen die, wo sind die Spiele? Die sind doch Tausende Kilometer entfernt. Für Peking sind die Spiele wichtig, für die Provinzen nicht. Und die Sportler sind von den Provinzen angestellt. Das ist ein Konflikt: Sie stellen die Sportler für die Nationalmannschaften frei, aber das müssen sie noch nicht einmal. Für die Provinzen sind die nationalen Meisterschaften das Entscheidende, nicht die Olympischen Spiele. Anhand der dort erzielten Leistungen wird über Posten und Gehälter entschieden.
Morgenpost Online: Wie ernst ist es den Funktionären mit dem Anti-Doping-Kampf?
Capousek: Lange Zeit war auch das ein Konflikt zwischen den Provinzen und den Dachverbänden. Letztere waren teilweise schon vor 15 Jahren um sauberen Sport bemüht, aber die Provinzen machen ihre Kontrollen selbstständig. Seit ungefähr sechs Jahren ist der Druck der Regierung noch einmal stark gewachsen. Vor einigen Wochen war der Sportminister in unserem Trainingscamp. In einer inoffiziellen Rede hat er gesagt, dass die Medaillenwertung wichtig sei, als oberstes Ziel stehe aber sauberer Sport. Es herrscht inzwischen die Auffassung, dass positive Dopingtests sehr großen politischen Schaden verursachen würden.


