Manch ein Beobachter befürchtete in Anlehnung an den ehemaligen Bremer Bundesliga-Torschützenkönig schon einen akuten Fall von „Ailtonitis“, doch am Montagabend hatte die tagelange Ungewissheit bei den Verantwortlichen des Hamburger SV ein Ende. Endlich war das „Bitte melde Dich“ aus dem türkischen Belek bis nach Brasilien vorgedrungen. Der verschollene Ze Roberto nahm telefonischen Kontakt zu HSV-Trainer Bruno Labbadia auf und erklärte sein unentschuldigtes Fernbleiben vom Trainingslager mit „einem ernsten familiären Problem“.

„Das kann ich nur vor Ort in Brasilien lösen“, gab der Mittelfeldstratege dem Coach zu verstehen: „Es tut mir leid, dass ich nicht ins Trainingslager gekommen bin und den HSV erst so spät über die Gründe in Kenntnis gesetzt habe.“ Doch die unvorhergesehene Unruhe in der ohnehin kurzen Rückrunden-Vorbereitung war für die Hamburger bereits entstanden. Von einem Musterprofi, einem Vorbild, einer Führungsfigur hatten Labbadia & Co. mehr erwartet - zumindest den früheren Griff zum Telefon. Hamburgs im bisherigen Saisonverlauf überragender „Ze“-remonienmeister war zum Sorgenkind geworden.

„Das geht natürlich gar nicht und wird sicher eine Geldstrafe geben“, hatte Labbadia schon vor dem Gespräch mit Ze Roberto angekündigt. Die Sanktion soll auch jetzt aufrechterhalten werden. In der Mannschaft, die bereits seit vergangenem Samstag ohne ihren Star in Belek trainiert, war das unentschuldigte Fehlen Ze Robertos ebenfalls auf wenig Verständnis gestoßen. „Ich habe ihn als absoluten Musterprofi kennengelernt. Aber wir sind doch hier nicht im Zirkus“, schimpfte Kapitän David Jarolim.

Ze Roberto gab sich folgerichtig kleinlaut. „Ich bitte die Leute, nicht an meiner Zuverlässigkeit zu zweifeln, die ich in meiner Karriere bislang immer unter Beweis gestellt habe. Ich hoffe, so schnell wie möglich nach Hamburg kommen zu können und werde Kontakt zu den Verantwortlichen halten“, meinte der 35-Jährige, der sich nach einer Bänderverletzung im Sprunggelenk derzeit im Aufbautraining befindet: „Meinem Fuß geht es besser. Ich muss jetzt nur noch Wadenmuskulatur aufbauen, die durch das Tragen des Gipses verloren gegangen ist.“

Mit einem Erscheinen Ze Robertos noch in Belek, wo bis zur Abreise am kommenden Sonntag zwei Testspiele auf dem Programm stehen, rechnet beim HSV derweil niemand mehr. Keine optimalen Voraussetzungen für den Rückrundenstart am 16. Januar gegen den SC Freiburg. Zumal auch andere Profis Sorgen bereiten. Offensivstar Eljero Elia (Knöchelverletzung) wurde am Dienstag zwar von seinem Gips befreit, der Zeitpunkt seines Comebacks ist jedoch weiter fraglich.

Zudem wird Stürmer Marcus Berg von Knieproblemen geplagt und kann nur eingeschränkt trainieren. Guy Demel und Jonathan Pitroipa weilen derweil beim Afrika-Cup in Angola, Nationalspieler Jerome Boateng wird gegen Freiburg gesperrt fehlen. „Unser Kader ist sehr dünn. Momentan stehen uns eigentlich nur 13 Feldspieler zur Verfügung“, klagt Labbadia. Kein Wunder, dass weiter über mögliche Verstärkungen diskutiert wird. Neuestes Gerücht: Angeblich denkt man beim HSV über eine Ausleihe des Schalkers Gerald Asamoah nach.

sid/fb