Mit Maria Riesch (24) verbindet Lindsey Vonn (24) eine kuriose Freundschaft: Sie gelten als größte Konkurrentinnen um den Gesamtsieg im alpinen Skiweltcup, verstehen sich aber so gut, dass sie gemeinsam Weihnachten feiern. Unter ihrem Mädchennamen Kildow sorgte Lindsey Vonn einst schon für Furore, doch die ganz großen Erfolge gelingen ihr seit der Hochzeit mit Thomas Vonn 2007.

Morgenpost Online: Verbringen Sie Weihnachten wieder bei Familie Riesch in Garmisch-Partenkirchen?

Lindsey Vonn: Ja, und in diesem Jahr mit meinem Mann. Wir werden also eine große glückliche Familie sein. Ich bin gern bei Maria und ihrer Familie, weil sie mich wie ein Familienmitglied behandeln. Das bedeutet mir sehr viel, weil ich nie zu Hause sein kann über Weihnachten. Obwohl gerade die Weihnachtszeit so familiengeprägt ist.

Morgenpost Online: Aber Sie müssen sich nun doch sicher an die deutschen Weihnachtsbräuche anpassen.

Vonn: Ja, in den USA gibt es ja erst am ersten Weihnachtstag die Geschenke, aber wir feiern Bescherung schon immer am Heiligabend. Den Kulturwechsel akzeptiere ich. Daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Früher, am Anfang, war ich ein wenig nervös, weil ich nicht wusste, welche Bräuche sie haben. Aber Maria hat mir alles erklärt: Wir haben erst immer ein sehr schönes Abendessen und dann gibt’s die Geschenke. Sie hat mir sehr geholfen, schon weil ich bei meinem ersten Besuch bei ihren Eltern kaum Deutsch sprach.

Morgenpost Online: Das hat sich aber drastisch geändert. Im Gegensatz zu vielen Ihrer im Ausland lebenden Landsleute, die sich weiter mit Englisch und gänzlich ohne Fremdsprache durchs Leben hangeln, sprechen Sie inzwischen sehr gut Deutsch.

Vonn: Ich hasse es, nicht mit Leuten kommunizieren zu können. Ich möchte viele Sprachen sprechen. In Österreich, der Schweiz, Deutschland möchte ich mit Leuten reden können, wenn ich dort unterwegs bin. Deutsch ist die Sprache des Skirennlaufs. Ich spreche nicht perfekt, aber versuche es, so gut ich eben kann.

Morgenpost Online: Was mögen Sie besonders an den deutschsprachigen Ländern?

Vonn: Viele Europäer mögen den Skirennlauf. Das ist schön, weil es bei uns in den Vereinigten Staaten nicht so ist. Ich genieße diese allgemeine Leidenschaft für meinen Sport. Die Zeitungen hier sind voll davon, die Magazine. Ich komme hierher seit ich neun Jahre alt bin. Und ich mag die Länder, die schönen Landschaften. Ich fühle mich hier auch wichtiger. Die Menschen wissen, wer ich bin. Sie erkennen meine Fertigkeiten im Skirennlauf an. Kinder erkennen mich und wollen wie ich Skirennläufer werden.

Morgenpost Online: Haben Sie sich mit Ihren Sprachfähigkeiten soweit angepasst, dass Sie mit Maria Riesch auch ihre deutschen Lieblings-Soap-Operas im Fernsehen gucken?

Vonn: Nein, soweit nun doch nicht. Ich gucke keine deutschen Soap Operas, ich bleibe bei meinen amerikanischen Lieblingssendungen. Ich habe sie auf meinem iPod und sehe sie die ganze Zeit, zum Beispiel wenn ich auf dem Fahrrad trainiere. Das wird sich nicht ändern.

Morgenpost Online: Wie hart erweist es sich in Ihrem Job, dass Sie mit einem Amerikaner verheiratet sind, aber fast durchgängig während der Saison durch Europa tingeln müssen?

Vonn: Mein Mann reist immer mit mir. Das ist großartig. In diesem Jahr hat er es sogar geschafft, mich in die Sommertrainingslager zu begleiten. Er hilft mir sehr, denn es ist nicht leicht, mit all diesen Verpflichtungen erfolgreich zu jonglieren: Werbeaufnahmen, Interviews, Skitests. Ohne ihn wäre ich definitiv nicht so erfolgreich.

Morgenpost Online: Wie kann er das mit seinem Beruf vereinbaren?

Vonn: Das geht. Er arbeitet in der Investmentbranche.

Morgenpost Online: Mit Verlaub: Halten Sie ehrlich ausgerechnet einen Amerikaner derzeit für einen kompetenten Ansprechpartner in Investitions- und Wirtschaftsfragen? Haben Sie kein Geld verloren in der Finanzkrise?

Vonn: Das würde ich so nicht behaupten. Ich rede über so etwas nicht. Wir haben aber nichts verkauft und gehen davon aus, dass der Markt sich wieder nach oben bewegt. Aber solange ich schnell Ski fahre, glaube ich nicht, dass mein Mann deprimiert ist.

Morgenpost Online: In Ihrer Heimat neigen die Menschen dazu, den Wert eines Menschen an seinem Einkommen und seinem Wohlstand zu bemessen. Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Vonn: Ich brauche nur genug zum Leben. Ich will so lange Skifahren, wie es geht. Dann will ich mich zur Ruhe setzen, Kinder bekommen. Und hoffentlich muss ich danach nie wieder arbeiten. Ich möchte nur Skirennen fahren, Kinder kriegen und mir über Geld keine Sorgen mehr machen müssen.

Morgenpost Online: In Ihrem Land genießt alpiner Skirennsport kein besonderes Ansehen. Warum haben Sie ihn trotzdem gewählt?

Vonn: Picabo Street war sehr berühmt, als ich klein war. Sie hat mich inspiriert, professionelle Skirennläuferin zu werden. Durch ihre Erfolge fiel mir zum ersten Mal die Option auf, dass das ein Beruf für mich werden könnte.

Morgenpost Online: Dabei scheint doch auch Amerika sich allmählich für Sie erwärmen zu können.

Vonn: Ich wurde für den ESPY-Award als beste Sportlerin des Jahres nominiert. Das war etwas sehr Besonderes. Weil Bode Miller vorher der einzige Skirennläufer war, der in den USA als bester Sportler nominiert worden war. Ich habe alle diese coolen Leute getroffen: Basketballspieler und Footballprofis, Brett Favre und Terrell Owens von den Dallas Cowboys oder Michelle Kwan und Venus Williams. Und alle wussten, wer ich war. So etwas passiert einfach sonst nicht in den USA. Das war besonders, weil die Leute meine Leistungen in meinem Sport anerkannten, obwohl das Skirennlauf ist. Das war unglaublich. Zuvor war ich nie in einem Raum zusammen mit einem dieser Stars – und in der Nacht waren sie alle da.

Morgenpost Online: Was ist schön daran, überall erkannt zu werden?

Vonn: So berühmt bin ich auch nicht, dass ich überall erkannt werde. Aber es ist schön, wenn Leute wissen, wer ich bin, weil ich gut Skifahren kann, wenn oben auf dem Berg Kinder hinter mir herlaufen. So war ich selbst, als ich klein war und hinter Rennläufern hergelaufen bin. Das macht mich stolz, wenn Kinder meinetwegen Rennläufer werden wollen.

Morgenpost Online: Sie und Bode Miller gewannen vorige Saison den Gesamtweltcup – was ist das Geheimnis der amerikanischen Skirennläufer?

Vonn: Wir Amerikaner sind Draufgänger. Wir fahren immer mit Risiko und wir kennen keine Angst. Das ist sicher hilfreich. So ist unsere Mentalität. Ich liebe die Geschwindigkeit.

Morgenpost Online: Wie können Sie die enormen Risiken Ihres Sports ausblenden, obwohl Ihre beste Freundin, Maria Riesch, Ihnen mit zwei schweren Kreuzbandrissen binnen zwei Jahren das enorme Verletzungspotenzial Ihres Sports vorgeführt hat?

Vonn: Ich beschäftige mich nicht besonders mit Verletzungen. Nicht mit fremden, nicht mit meinen. Jeder verletzt sich mal. Auch ich hatte eine Knieverletzung mit Operation im vorletzten Sommer. Das ist immer eine schwierige Lage. Aber unser Sport bedingt so etwas. Und du musst akzeptieren, dass so was passieren kann. Du musst Dich auf das harte Training anschließend in der Reha konzentrieren.

Morgenpost Online: Halten Sie die Sicherheitsvorkehrungen in Ihrem Sport – insbesondere nach dem vorigen Winter mit schweren Stürzen – für ausgereift genug, um eine lange Karriere zu gewährleisten?

Vonn: Dafür muss der Skiweltverband Fis Sorgen. Sie müssen die angemessenen Sicherheitsvorkehrungen gewährleisten. Im vorigen Jahr stürzte der Österreicher Matthias Lanzinger so schwer, dass ihm der Unterschenkel amputiert werden musste. Danach mussten sie ihre Herangehensweise für Hochgeschwindigkeitsrennen überdenken. Ich glaube, dass nun die Verfügbarkeit eines Helikopters an der Piste obligatorisch ist. Das ist wichtig. Ich meine, dass sie die erforderlichen Schritte unternehmen.

Morgenpost Online: Bei Ihrem eigenen Faible für Tempo – teilen Sie auch Maria Rieschs Vorliebe für schnelle Autos?

Vonn: Ich durfte ihren R8 im Sommer fahren. Das hat viel Spaß gemacht. Ich weiß nicht, ob ich genug Geld beisammen habe, mir einen eigenen zu kaufen. Aber ich schnorre immer mal eine Fahrt in ihrem.

Morgenpost Online: Maria Riesch sagt, das Auto fahre bis zu 300 Stundenkilometern schnell. Fahren Sie den Wagen bis an seine Grenzen aus?

Vonn: Nein, nicht bis ans Limit. Ich hätte Angst, ich fahre ihn zu Schrott. Und ich wollte keine Strafe bekommen. Ich bin so bis 260 Stundenkilometer schnell gewesen. Ich glaube, das Auto schafft sogar bis 340. Es ist ziemlich unglaublich.

Morgenpost Online: Was halten Sie vom amerikanischen Tempolimit von 80 Meilen, also 129 Stundenkilometern?

Vonn: Das ist schrecklich. Ich hätte gern eine deutsche Autobahn in den USA. Aber wir haben andere Bestimmungen: Bei uns bekommt man viel leichter den Führerschein, die Fahrer haben also keine Ausbildung, die mit der deutschen vergleichbar ist. Für unsere Kultur scheint mir das niedrigere Geschwindigkeitslimit also angebracht, ich würde nur selbst gern viel schneller fahren.