Als die Spieler der Moroka Swallows zu singen beginnen, winkt Rainer Zobel kurz in die Katakomben des NMMU-Stadions von Port Elizabeth. Ein paar Sekunden Einblick in die Kabine, jenen Ort, den Mannschaften normalerweise für Fremde verriegeln. Im Kreis stehen die Südafrikaner, tanzen und singen, auf Zulu, laut, gar nicht einmal untalentiert. Etwas abseits steht Zobel, seit einem halben Jahr ihr deutscher Trainer. In einer Viertelstunde tritt das Team zum Testspiel gegen den VfL Wolfsburg an (Endstand 1:2), beide verbindet der Hauptsponsor Volkswagen, der den Besuch des Deutschen Meisters arrangiert hat. Zobel will eigentlich noch ein paar Worte sagen, aber dieses Ritual würde er niemals unterbinden. Im Interview spricht der weitgereiste 61-Jährige über Sicherheitsparanoia vor der WM 2010, deutsche Eigenarten und WM-Gegner Ghana.

Morgenpost Online: Deutsche Trainer werden seit vielen Jahren immer wieder in Afrika angestellt. Hindert oder hilft der Perfektionismus, der uns nachgesagt wird?

Rainer Zobel: Er kann helfen, zumal es besonders im südafrikanischen Fußball an Strukturen mangelt. Es gibt kaum Jugendmeisterschaften oder ein konkurrenzfähiges Nachwuchssystem, was bedeutet, dass vielen Spieler die Grundausbildung fehlt – ob Torschüsse oder Ballkontrolle. Aber es läuft nicht immer alles perfekt, man muss sich von der deutschen Mentalität auch trennen und Dinge zulassen. Die Spieler haben seit Jahren vor dem Anpfiff gesungen, das werde ich niemals verhindern. Ich habe nur dafür gesorgt, dass sie früher anfangen, damit ich vor dem Herauslaufen noch ein paar Worte sagen kann. Unser Zeugwart verbrennt vor dem Anpfiff in der Kabine aus Aberglaube auch oft ein Stück Pappe mit einem komischen Wachs. Er nimmt jetzt weniger, weil ich Sorge habe, dass das gesundheitsschädlich ist.

Morgenpost Online: Wie würden sie das Niveau des südafrikanischen Fußballs einschätzen?

Zobel: Nicht sehr stark, aus meiner Mannschaft haben nur wenige Spieler das Potenzial für die Bundesliga. Technisches Talent ist da, aber es fehlt an der Ordnung im Spielaufbau. Und nicht alle haben diesen unbedingten Willen. Nach drei Siegen sind sie zufrieden, und dann verlierst du wieder dreimal in Folge. Unsere Saison hat schlecht begonnen, jetzt haben wir uns gefangen und stehen immerhin auf Platz acht.

Morgenpost Online: Die Moroka Swallows stammen aus einem alten Bezirk Sowetos, dem größten Township des Landes bei Johannesburg. Dort dominieren die Orlando Pirates und Kaizer Chiefs.

Zobel: Ja, das ist ein Problem, wir haben längst nicht so viele Zuschauer. Und in unserem Team gibt es mehr hellhäutige Spieler als in jedem anderen – das ist vielleicht ein Identifikationsproblem. Wir spielen jetzt wieder in einem Stadion in Soweto, Ich hätte es gut gefunden, wenn man in ein Gebiet gegangen wäre, wo sich Dunkel- und Hellhäutige mehr mischen. Das wäre eine große Chance gewesen, neue Fans zu gewinnen und einen Beitrag zur Annäherung der ethnischen Gruppen zu leisten.

Morgenpost Online: Sie leben seit einem halben Jahr in Johannesburg. Wie schätzen sie die Sicherheitslage ein?

Zobel: Zunächst einmal: Es ist ein tolles Land. Ich halte mich an ein paar Grundregeln, wohne zum Beispiel in einem „Security Complex“, einer ummauerten Häusersiedlung mit eigenem Wachpersonal. Meine Söhne haben mich besucht und gesagt: Du lebst ja im Gefängnis. Aber ich nehme diese Mauern nicht wahr. Man muss knallhart warnen, wo man nicht hingehen sollte. Aber in vielen Gegenden kann man sich auch frei bewegen. Mich regt es auf, wenn zum Beispiel Oliver Kahn im ZDF nach dem Tod von Peter Burgstaller (der österreichische Ex-Torhüter wurde 2007 auf einem Golfplatz nahe Durban erschossen, d.Red.) sagt, dass sich die deutsche Mannschaft komplett umstellen muss. Nach dem Motto: Da kann man nicht einmal Golf spielen. So etwas wie mit Burgstaller passiert so gut wie nie.

Morgenpost Online: Sie machen sich keine Sorgen um leichtsinnige WM-Touristen?

Zobel: Um die Stadien herum und den wichtigen Stadtteilen wird es absolut sicher sein. Aber am späten Abend sind viele Straßen gerade während der kühlen WM-Monaten früh leer. Ich hoffe, dass angetrunkene Fans dann nicht losziehen und einfach mal schauen, wo noch was los ist.

Morgenpost Online: Was bedeutet die WM für das Land?

Zobel: Das ist eine Riesenchance. Es ist allerdings zu viel Geld in teure neue Stadien geflossen, dabei gab es oft schon vorher gute. Es gibt nun viel zu viele – das Geld, das da geflossen ist, hätte man besser in die Infrastruktur investieren sollen.

Morgenpost Online: Wie stark schätzen Sie den deutschen Gruppengegner Ghana ein?

Zobel: Sehr stark, ein geschlossenes, gut strukturiertes Team – auch wenn Sie vor zwei, drei Jahren noch überzeugender waren. Sie werden große Unterstützung haben, ich gehe davon aus, dass die afrikanischen Fans sich bei Spielen gegen Teams aus anderen Kontinenten gegenseitig anfeuern werden. Das stärkste afrikanische Team ist allerdings die Elfenbeinküste.

Morgenpost Online: Diese Teams werden von dem Lärm der Vuvuzela-Tröten vermutlich weniger eingeschüchtert sein als die Europäer.

Zobel: Viel nerviger ist eigentlich die laute Musik aus kaputten Boxen vor dem Spiel. Die Vuvuzelas hören sich im Stadion nicht so schlimm an wie im Fernsehen. Ich finde, der Name klingt auch irgendwie deutsch: Ich nenne sie nur noch Uweseelers.