Der eine Kampf, den Anna-Lena Grönefeld vorübergehend gewinnt, kann kaum kaschieren, wie verloren sie gerade ist: Fünf, zehn Minuten lang drängen die Tränen hartnäckig aus ihr heraus, doch die Tennisspielerin mag sie partout nicht kullern lassen. Aber sie schämt sich nicht zuzugeben, dass sie am Ende ist. Psychisch und physisch.

„Er bahnt sich einen Weg in meinen Kopf. Er hat offensichtlich die Zeit seines Lebens. Er hat mich sehr eingenommen. 24 Stunden hat er die Augen auf mich gerichtet, dass ich ja nichts mache, was ich nicht machen soll. Vielleicht kommt er jetzt nicht darüber hinweg, dass alles vorbei ist“, sagt sie.

Es klingt, als hadere sie mit einem enttäuschten Liebhaber. Tatsächlich redet Grönefeld, 22, von ihrem früheren Trainer: Rafael Font de Mora, einem Spanier mit Wohnsitz in den USA. Dreieinhalb Jahre lang hat er Grönefeld im eisernen Regime auf Weltklasse getrimmt. Seit sie sich mit der Hilfe von Managern, Eltern und Funktionären aus der Herrschaft befreit hat, zermürbt Font de Mora sie mit psychologischer Kriegsführung. Er taucht in der Loge ihrer Gegnerinnen auf wie neulich in Paris oder gibt ihnen Tipps wie dieser Tage beim wichtigsten Turnier des Jahres im Londoner Stadtteil Wimbledon.

Erfolgreiches Mobbing

Das Mobbing fruchtet. Sie verlor in diesem Jahr elfmal gleich ihr Auftaktspiel eines Turniers, auch vorige Woche in Wimbledon, und bei den zwei Veranstaltungen, bei denen sie es gewann, schied sie in der folgenden Runde aus. „Er ist darauf aus, dass ich verliere und dass er als Held gefeiert wird und dass ohne ihn nichts geht.“

Grönefelds Schicksal offenbart wieder einmal die dunkle Seite des Glamoursports Frauentennis. Während es publicitysüchtige Kolleginnen wie Serena Williams, 25, bis zum Millionärsdasein und in amerikanische Fernsehserien schaffen oder wie die Russin Anna Kurnikowa, 26, in hollywoodträchtige Amouren mit spanischen Popsängern wie Enrique Iglesias, werden regelmäßig andere wie Anna-Lena Grönefeld Opfer der fatalen Mischung aus eigenem oder elterlichen Ehrgeiz und kindlicher Hilflosigkeit in der rauen Welt des Profisports.

Hilflose Vereinigung der Profi-Spielerinnen

Die WTA-Tour, die Vereinigung der Profitennisspielerin, registriert bei jedem neuen Skandal ihre Hilflosigkeit. Das unter ihrem Dach organisierte größte Athletinnenverschickungsprogramm der Welt schafft die Voraussetzungen für die Gefährdung junger Mädchen: Sei es durch Trainer, die auf den Reisen oft schutzlos ausgelieferte, abhängige Spielerinnen auf vielfältige Weise misshandeln wie der Spanier Font de Mora die Deutsche Grönefeld, sei es durch überehrgeizige Eltern, die ihre Töchter mit enormer Strenge zum harten Tennistraining triezen, weil sie darin einen schnellen Weg zu Ruhm und Reichtum sehen wie die Väter der Russin Maria Scharapowa, 20, der Französin Mary Pierce, 32, oder der in Kroatien geborenen Serbin Jelena Dokic, 24.

Mehr als 1400 Spielerinnen aus 75 Nationen bereisen in der Obhut der WTA-Tour jährlich den Erdball, auf der Jagd nach 62 Millionen Dollar Preisgeld, das bei 63 Turnieren in 35 Ländern ausgeschüttet wird. „Du bist auf der Tour. Es ist hart“, sagt die frühere Branchenbeste Williams, „manchmal geben sie dir nicht ausreichend Zimmer, sie geben dir nur eines, und das nächste, was passiert, ist, dass der Trainer die Gelegenheit ausnutzt.“

Sexueller Missbrauch

Im Mai hat die ehemalige französische Weltklassespielerin Isabelle Demongeot, 40, in ihrer Biografie „Service volé“ enthüllt, neun Jahre von ihrem ehemaligen Trainer Régis de Camaret sexuell missbraucht worden zu sein. Der Ex-Coach leugnet, mehrere Kolleginnen bestätigen die Vorwürfe. „Ich hätte damals Anzeige erstatten sollen“, klagt Demongeot, die zwischen 1980 und 1990 zehn WTA-Turniere gewann, „aber ich habe nur an meine Karriere gedacht.“

Der Ex-Trainer von Tommy Haas, 29, und Monica Seles, 33, Gavin Hopper, wurde wegen sexueller Übergriffe auf eine vierzehnjährige Schülerin in seiner Zeit als Sportlehrer in Melbourne zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Schweizerin Patty Schnyder, 28, war 1999 dem dubiosen deutschen „Fitnessberater und Mentaltrainer“ Rainer Harnecker so hörig, dass sie sich zumeist literweise von im Hotelzimmer frisch gepressten Orangensaft ernährte und sich vom Elternhaus abwendete. „Es gibt keinen Schutz für die jungen Mädchen, Tennis ist ein Individual- und kein Mannschaftssport mit Teamkollegen und Betreuern als Korrektiv“, sagt die Legende Martina Navratilova, 50, „sie müssen mit 16 Jahren, wenn sie auf der Tour reisen, reif genug sein, um in der kalten Welt klarzukommen.“

Auf sich allein gestellt

Um in die Weltklasse vorstoßen zu können, müssen ambitionierte Mädchen sich schon sehr früh auf den Sport konzentrieren und intensiv trainieren. Anders aber als in den meisten Disziplinen kommt hinzu, dass ihnen dabei durch viele Reisen droht, auf sich allein gestellt zu sein. „Auf der WTA-Tour herum zu tingeln, ist nicht besonders glamourös, wenn du nicht gerade zu den Top Ten oder Top 20 gehörst“, findet die Amerikanerin Ashley Harkleroad, 22, Weltranglisten-79., die vor fünf Jahren noch als nächster Star gehandelt wurde, „eigentlich ist es überhaupt kein Spaßleben. Es ist ein schweres Leben. Ein bisschen einsam. Die meisten Mädchen wollen, dass du verlierst. Du bist hier draußen auf dich allein gestellt. Mädchen sind heimtückisch.“

Nicht einmal mitreisende Eltern vermögen einige der Mädchen vor Übergriffen zu schützen. Die frühere Weltranglistenerste Martina Hingis, 26, aus der Schweiz findet es zum Schutz vor Übergriffen „wichtig, die Eltern um sich herum zu haben: Das ist eine harte Welt da draußen.“ Oft genug jedoch haben sich die Erzeuger selbst als Problem entpuppt: Hingis wurde noch vor der Schulpflicht von ihrer Mutter auf Tennisprofi getrimmt. Auch bei Steffi Graf, 38, half einst Papa Peter notfalls mit harter Hand nach, wenn die Tochter allzu frühzeitig das Üben beenden wollte. Der Vater von Mary Pierce beleidigte – wie auch schon mal Scharapowas Vater Juri – die Gegnerinnen, darüber hinaus misshandelte er auch die Tochter und wurde nach einer Schlägerei bei den French Open 1993 für fünf Jahre von allen WTA Turnieren verbannt. Die anschließend eingeführte Vorschrift, die ausfallendes Verhalten auch im Umfeld der Spieler ahndet, gilt seither als „Jim-Pierce-Regel“.

"Er wollte alles kontrollieren"

Die besonders ehrgeizigen Eltern geben ihre Kinder in Tennisakademien wie Demongeot, die mit elf Jahren nach St. Tropez zu de Camaret kam, oder Scharapowa, die ihr Vater Juri mit neun Jahren in die angesehene Starschmiede von Nick Bollettieri in Florida exportierte. Grönefeld landete im Alter von 17 Jahren bei Font de Mora in Arizona. „Das Verhältnis war zu eng, er wollte alles kontrollieren“, beobachtete Navratilova, die mit Grönefeld einige Male im Doppel spielte, „mir gefiel das nicht, aber man konnte nichts tun.“ Heute endlich sagt auch Grönefeld: „Ich bin froh, dass ich da raus bin.“

Der Körper artikuliert den Kummer am sichtbarsten. Offiziell taxiert die WTA-Tour sie auf 67 Kilogramm Gewicht bei 1,80 Meter Größe. Vor gut einem Jahr mag das noch gestimmt haben. Da feierte Grönefeld das erfolgreichste Jahr ihrer Profitenniskarriere: Sie gewann ihr erstes Turnier im Februar in Acapulco, sie zog in ihr erstes Grand-Slam-Viertelfinale ein, bei den French Open in Paris, und sie schaffte es im April bis auf Position 14 der Frauen-Weltrangliste. Die letzten verbliebenen Tennisfans in Deutschland freuten sich auf die neue Steffi Graf.

Grönefeld, das ist inzwischen sicher, steht für solche Sehnsüchte nicht mehr zur Verfügung. Sie wiegt mindestens zehn Kilo mehr. Schwerer noch wiegt die seelische Last. Die Tochter eines Chirurgen aus Nordhorn hofft Hilfe beim Psychologen zu finden. „Ich kann die Vorhand und die Rückhand spielen“, sagt sie, „es geht nur um die mentale Seite.“