Das Kapitel TSV 1860 München endete für Stefan Reuter 0.10 Uhr. Er löschte das Licht in seinem Büro und verließ, eine große Umhängetasche über der Schulter, das Vereinsgelände. Am Morgen kam der Sportdirektor noch einmal wieder, um seinen Abschied zu verkünden: „Mir wurde ein Angebot gemacht, das ich aus vielen Gründen nicht angenommen habe. Folge ist, dass ich beurlaubt wurde.“

Die Ablösung Reuters ist ein weiterer Tiefpunkt in der Talfahrt des Münchner Traditionsklubs, der perspektivlos Rang elf der Zweitligatabelle einnimmt. Und der nächste dürfte bald folgen: Auch Trainer Marco Kurz steht vor dem Rauswurf. Sollte dieser bis morgen nicht erfolgt sein, planen die Anhänger eine Großdemonstration gegen den Übungsleiter am Trainingsplatz.

Kurz’ Zukunft an der Grünwalder Straße hängt seit Dienstag von einem alten Bekannten ab. Kaum war Reuter geschasst – zum reinen Sponsorenbetreuer wollte sich der Weltmeister von 1990 nicht degradieren lassen – wurde Miroslav Stevic der Öffentlichkeit als dessen Nachfolger vorgestellt. Der Serbe absolvierte zwischen 1994 und 1999 für 1860 im Mittelfeld 104 Spiele; mittlerweile hat er seine Karriere beendetet und arbeitete zuletzt als Spielerberater. Und an der Machtergreifung bei seinem ehemaligen Klub. Bereits im April trat Stevic als Mittler eines Konsortiums auf, das Geld in den Verein stecken wollte. Präsident Rainer Beeck tat das Angebot damals als „unseriös“ ab. Stellt sich nun die Frage: Ist die neue Offerte seriöser oder ist die finanzielle Not der „Löwen“ einfach nur noch größer geworden?

„Wir haben das Modell prüfen lassen und sind von dessen Seriosität überzeugt“, sagte Beeck über den Einstieg der Immobiliengruppe Schwarzer aus Berlin; der Deutschen Fußball Liga gingen bereits die erforderlichen Unterlagen zu.

Nicolai Schwarzer verdient sein Geld mit dem Verkauf und der Vermietung von Häusern und Wohnungen in der Hauptstadt. Warum und in welcher Höhe sich die Preußen nun ausgerechnet in Bayern engagieren, wollte das Unternehmen gestern nicht erklären.

Dementiert wurde, dass der neue Geldgeber sofort 20 Prozent der Anteile an der KGaA erhalten hat. Laut Vizepräsident Michael Hasenstab, zuständig für die Finanzen, können die Münchner aber in den nächsten vier Transferperioden Geld für neue Spieler abrufen. Schon jetzt sei in Form eines sogenannten nachrangigen Darlehens Geld geflossen. Schwarzer sei an einem möglichen Gewinn der KGaA beteiligt, hätte aber auch das Recht auf maximal 25 Prozent der Anteile. Spekulationen zu Folge, liegt das Investment der Berliner bei rund sieben Millionen Euro.

Seit viereionhalb Jahren geht es stetig berab

Mit der Kunde vom frischen Geld versuchten die Münchner Alles-wird-gut-Stimmung zu verbreiten – wie so oft nach dem Abstieg vor viereinhalb Jahren, seit dem es in Wahrheit aber stetig bergab ging. Sportlich durfte der Verein nur einmal ernsthaft auf die Qualifikation für die Bundesliga hoffen, wirtschaftlich allerdings drohte mehrmals die Insolvenz. Dass es nicht so weit kam, liegt auch am FC Bayern, der die Anteile des Nachbarn an der Münchner Arena für elf Millionen Euro übernahm.

Nun gehen die „Löwen“ das nächste Wagnis ein. Zum einen gibt sich der Klub in die Abhängigkeit eines Investors, zum anderen beschäftigt er einen Manager, der in diesem Beruf noch nie gearbeitet hat. Mit Stefan Reuter auf dem Sportdirektorposten wäre der Geldgeber „nicht gekommen“, räumte Hasenstab ganz offen die Abhängigkeit von Stevic ein.

Der lieh in Antonio Rukavina (Borussia Dortmund) und Nikola Gulan (AC Florenz) gleich zwei Spieler aus und setzte große Ziele: Spätestens kommende Saison solle der Aufstieg gelingen. Wohl aber nicht mit Trainer Kurz. Angeblich hat Stevic als Nachfolger Klaus Augenthaler im Visier.

sid/jr