Es sollte nur eine Einstimmung sein auf den WM-Wettbewerb in der Super-Kombination morgen. Eine vorletzte Überprüfung der Form, ein Vertrautmachen mit der Abfahrtsstrecke in Val d’Isere und der eigenen Form. Es war nur einer von vielen Trainingsläufen für Maria Riesch auf dem Weg zum ersehnten Medaillengewinn – bis Mittwochmittag jedenfalls.
Um 13 Uhr hatte das Training der weltbesten Skirennläuferinnen auf der äußerst anspruchsvollen Strecke „Rhone-Alpes“ begonnen. Im Gegensatz zum Vortag schien die Sonne, der Schnee war an vielen Stellen eisig, das Tempo dadurch hoch. Maria Riesch war flott unterwegs, nach ihrem mäßigen achten Rang im Super-G witterte sie ihre Chance in der Super-Kombination, dem Mix aus Slalom und Abfahrt, der ihr als Allrounderin liegt.
Dann jedoch passierte, was Bundestrainer Mathias Berthold als Augenzeuge später so beschrieb: „Im oberen Streckenteil ist Maria nach dem ersten Sprung zu gerade in einen Schwung hinein gegangen. Sie hat sich nach innen gelehnt, ist dann ausgerutscht.“ Riesch stürzte mit dem Kopf voraus in ein Fangnetz.
Als die beste deutsche Skirennläuferin einige Zeit später auf Skiern abseits des Ziels den Hang hinuntergefahren kam, waren ihre Lippen geschwollen, Schürfwunden im Gesicht erkennbar. Schwerer als das wiegen womöglich aber die Verletzungen, die sie sich darüber hinaus zuzog. Laut erstem Bulletin des Deutschen Skiverbands (DSV) erlitt Riesch Prellungen sowie Stauchungen an der Wirbelsäule, die Verspannungen nach sich ziehen. Zudem besteht Verdacht auf eine Innenbandzerrung im Knie.
„Ich habe Maria kurz gesprochen im Ziel. Sie hat gesagt: ‚Mich hat’s geschmissen’, und sie klagte über Rückenschmerzen und ein Ziehen im Knie“, berichtete die frühere Weltklasseläuferin Martina Ertl-Renz, die Riesch zu trösten versuchte, bevor die schwer Gezeichnete später zu einer eingehenden Untersuchung und zum Röntgen ins Krankenhaus gebracht wurde. Verletzungen an Knochen wurden dort nicht festgestellt.
„Es kommt jetzt darauf an, dass Maria soweit hergerichtet wird, dass sie Donnerstagmorgen auf dem Ski stehen kann“, sagte Wolfgang Maier. Der DSV-Alpindirektor verbreitete bewusst Optimismus. „Wir gehen davon aus, dass sie starten kann. Der Blick muss jetzt nach vorne gehen, nicht nach hinten. Man darf diesen Sturz nicht zu hoch bewerten.“ Am besten sei es, flachste Maier, Riesch schminke sich die Lippe über und färbe sich die Haare blond: „Dann erkennt sie morgen früh keiner.“
Einen Sportpsychologen, sagte Maier auf Nachfrage, habe der DSV „für solche Fälle“ nicht im WM-Team. Dafür sei ja aber Stefan Kraus, ehemaliger deutscher Abfahrer und heute Geschäftsführer der DSV Marketing GmbH, dabei: „Den hat’s so oft auf die Klappe gehauen, der weiß genau, was man da tun muss.“
Zum Zeitpunkt ihres Sturzes kurz nach der zweiten Zwischenzeitnahme lag Riesch gut eine Sekunde vor der später zweitplatzierten Italienerin Nadia Fanchini. Ob die Partenkirchenerin am Donnerstag mit getaptem Knie trainieren wird, entscheidet sie ganz allein. Bundestrainer Berthold sagte in einer ersten Reaktion: „Ein Champion geht durch so was durch.“ Doch Rieschs Aussichten für den weiteren WM-Verlauf sind ebenso unabsehbar wie die psychischen Folgen ihrer gestrigen Havarie.
Schon zweimal rissen schließlich Rieschs Kreuzbänder in den Knien, im Januar und im Dezember 2005 war das, und es blieben nicht die einzigen schweren Verletzungen. Riesch war damals 21 Jahre alt. Beobachter meinen, die junge Bayerin fährt seitdem bei widrigen Bedingungen in den schnellen Disziplinen mit angezogener Handbremse. Alpindirektor Maier pflegt von einer „Restkonsequenz im Kopf“ zu sprechen: „Das ist noch a bissl ein Manko.“
Die Österreicherin Elisabeth Görgl berichtete nach dem Training: „Man konnte die Strecke nicht so fahren, wie wir sie besichtigt hatten.“ Neben Riesch stürzten weitere Läuferinnen, unter ihnen Jessica Lindell-Vikarby, die Weltcupzweite im Super-G. Sie verletzte sich ebenfalls am Knie und teilte dieses Schicksal mit einem Mannschaftskollegen Rieschs.





