Gerald Asamoah reklamierte für sich wohl zu Recht den größten Verdienst um die vorweihnachtliche Stimmung auf Schalke. „In unserer Situation sind weniger Techniker, mehr Kämpfer gefordert“, sagte der dienstälteste Schalker Profi (seit 1999 im Verein), der mit seinem ersten Saisontor zum 1:0 (0:0) über Hertha BSC die Krise des Traditionsverein entschärft und erheblich dazu beigetragen hatte, dass auch Trainer Fred Rutten und Manager Andreas Müller bei der Weihnachtsfeier der Mannschaft am Samstagabend entspannt feiern konnten.
„Ich finde es schade, dass hier nur die beiden in Frage gestellt worden sind“, sagte Asamoah, der erstmals seit dem 13.?September wieder in der Startelf gestanden hatte. Speziell für den in der Öffentlichkeit wie auch intern umstrittenen Müller machte er sich stark: „Wir stehen auf dem Platz und haben die Dinger nicht reingemacht. Es kann doch nicht sein, dass so etwas dann am Manager festgemacht wird. Soll er auch noch die Tore schießen?“
Der 30 Jahre alte Ex-Nationalspieler ist krisenerprobt und mit der auf Schalke schnell zu entfachenden Hysterie vertraut. Er weiß, wie wichtig der Heimsieg nach zuletzt vier Niederlagen aus fünf Pflichtspielen war. „Wir haben lange darauf warten müssen, endlich mal wieder zu gewinnen“, sagte Asamoah, „und wir haben auch dem Publikum bewiesen, dass wir kämpfen können.“
Diese Attribute hatte auch Müller, dessen Ablösung in der Winterpause teilweise schon als beschlossen dargestellt worden war, in den vergangenen Tagen gezeigt. „Ich habe Andy gesagt: ‚Du kannst dich nicht von jedem, der vorbeikommt, anzählen lassen. Stehe auf und kämpfe, positioniere dich sauber!’“, sagte Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, der mit Rutten und Müller am Montag zuvor einen Krisengipfel abgehalten hatte.
Diesen Ratschlag hat Müller, der bislang als zu farblos galt, offenbar beherzigt. In der vergangenen Woche begann er; sich gegen seine Kritiker zu wehren und räumte bei der Gelegenheit gleich mit der Legende auf, dass unter seinem Vorgänger Rudi Assauer „alles besser“ gewesen sei. So hatte der es zuvor in diversen Zeitungsinterviews dargestellt. „Das stimmt ja einfach nicht“, sagte Müller, der darauf verwies, dass der Verein wirtschaftlich immer noch unter den Folgen von Assauers ausgabefreudiger Einkaufspolitik zu leiden habe. Außerdem, so Müller: „Wer hat denn dafür gesorgt, dass ein Spitzentrainer wie Ralf Rangnick hier nicht die nötige Zeit bekommen hat?“ Es war Müllers Vorgänger, der den heutigen Erfolgstrainer der TSG Hoffenheim im Dezember 2006 mit seinen ständigen Nörgeleien vergrault hatte. „Schalke krankt daran, viel zu lange Spielball der Boulevardpresse gewesen zu sein“, sagte Müller. Das müsse endlich aufhören.
Speziell dieser Kampfgeist scheint Tönnies überzeugt zu haben. Er geht „fest davon aus“, dass S04 mit Müller auch in die Rückrunde gehen wird, so der einflussreiche Mann im Hintergrund: „Fred Rutten ist sowieso in keiner Weise in der Diskussion. Müller hat natürlich in der vergangenen Zeit viel mitgemacht. Aber wir stärken ihm den Rücken. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Andy auf Schalke eine gute Zukunft hat.“
Neustrukturierung der Scouting-Abteilung?
Um jedoch auch die skeptischen Fans ruhig zu stellen, die mehrmals Müllers Rauswurf gefordert hatten, betonte Tönnies, dass es strukturelle Veränderungen im Verein geben werde: „Nicht im sportlichen Bereich ist der Ansatz, sondern wir werden die Organisation rund um den Sport ein bisschen verändern.“ Möglicherweise, so die Spekulation, wird die Scoutingabteilung neu strukturiert. Sie war an einigen Transferflops der jüngsten Vergangenheit beteiligt. Die Hauptverantwortung für den Profifußball würde aber weiter bei Müller liegen.
Der Manager selbst nahm das Abflauen der Diskussion um seine Person erleichtert zur Kenntnis. „Ich bin total überzeugt, dass nicht nur ich, sondern auch Rutten die Mannschaft aus dieser sportlichen Situation herausführen können“, sagte er. Zwar sei trotz des Sieges vom Samstag der „Turnaround“ noch nicht geschafft, doch Schalke sei gut genug aufgestellt, um die Krise zu meistern. „Dafür habe ich Rutten geholt“, so Müller: „Er wird die Spieler weiter entwickeln. Aber das braucht seine Zeit.“ Die harte und direkte Art des Niederländers, die Spieler zu packen versucht, sei nach der „lange Leine“ von Vorgänger Mirko Slomka „ein Kulturschock“ gewesen.
Andreas Müller weiß jedoch, dass die Stimmung auf Schalke schnell wieder kippen kann. Nur wenn auch in den Gremien endlich Ruhe einkehre, könne Schalke sich zu einem wirklichen Spitzenteam entwickeln. „Ich habe zu Clemens Tönnies auch gesagt: ‚Es reicht nicht, sich auf ein Konzept zu verständigen. Man muss es auch leben.’“





