Vor dem Saisonstart

Die schöne, neue Tennis-Welt hat ein paar Kratzer

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Jörg Allmeroth

Foto: REUTERS

"Schöne neue Welt" haben ATP-Chef Etienne de Villiers und seine PR-Strategen den Umschwung im Tennis getauft. Nur dass die Welt so neu und schön gar nicht ist. Wenn nicht alles täuscht, wird die Karawane der Profis die alten Probleme mit neuen Namen und Bezeichnungen auch ins Jahr 2009 schleppen.

Wenn am Montag der weltweite Tenniszirkus an den Schauplätzen Brisbane, Chennai und Doha seine Türen öffnet, wird Etienne de Villiers seine Profitour Association of Tennis Professionals (ATP) nur noch beobachten dürfen. Der südafrikanische Chef bekam von seinen eigenen Spielern den Laufpass, noch bevor diese die vermeintlichen Segnungen des neuen Machwerks erleben dürfen.

„Schöne neue Welt“ haben de Villiers und seine PR-Strategen den Umschwung im Tennis getauft. Nur dass die Welt so neu und schön gar nicht ist. Wenn nicht alles täuscht, wird die Karawane der Profis die alten Probleme mit neuen Namen und Bezeichnungen auch ins neue Jahr schleppen.

So werden die Turniere der Mastersserie umbenannt in „1000er“-Turniere. Der Name leitet sich ab von der Anzahl der dort gewonnen Punkte. Bisher gab es 500, nun also das Doppelte. Deutschland hat erstmals kein Turnier mehr in der höchsten ATP-Kategorie – und mit Hamburg nur noch einen Wackelkandidaten in der zweiten Liga („500er“-Serie).

Dies erzürnt nicht nur die deutschen Tennisfans. Allgemein sind von den Streichungen und Kalenderverschiebungen vor allem Asien und Europa betroffen, aber eben nicht jenes Amerika, das kaum noch Spitzenspieler zu bieten hat. „Auf dem Rücken der Europäer“ sei die Reform vollzogen worden, klagt der Kroate Ivan Ljubicic, „das ist schon ein Trauerspiel.“

Härtere Strafen für Turnierschwänzer

Auch wird es von dieser Saison an härtere Strafen für Turnierschwänzer geben. Wer unentschuldigt bei einem der acht Topturniere fehlt, wird für das nächste Masters gesperrt – wer zweimal schwänzt, muss zweimal aussetzen. Nur wer 600 Matches auf der Tour bestritten hat, zwölf Jahre um die Welt geackert und mindestens 31 Jahre alt ist, der kann tun und lassen, was er will. Doch wie soll das Sanktionssystem mit Sperren und Geldstrafen wirken, wenn sich am Ende doch immer ein Arzt findet, der irgendein Wehwehchen attestiert?

Andere Reformen blieben hingegen aus. Weiterhin müssen die Profis an maximal vier Wochenenden im Davis Cup antreten – oft an Schauplätzen, die viele Zeitzonen entfernt liegen. Viele Profis und auch die ATP wünschten sich einen einwöchigen Wettkampf im Land des Siegers, der dann seinen Pokal verteidigt – der Weltverband International Tennis Federation (ITF) lehnt dies aber ab.

Die ATP verkündet Zahlen aus einer anderen Zeit

Und dann ist da ja noch die große Finanzkrise, die sich auch im Tennis am Horizont abzeichnet. Noch verkündet die ATP, die sich nun ATP World Tour nennt, jedoch Zahlen wie aus einer anderen Zeit. Eine Milliarde Dollar seien in Infrastrukturmaßnahmen gesteckt worden, allein 170 Millionen Dollar in Bauten in Madrid und Valencia, heißt es im neuesten Werbeprospekt. Manch einer fragt sich, wie solide dies im wirtschaftlich gebeutelten Spanien finanziert worden ist.

Auch die Preisgelder sind weiter erhöht worden: Von 60,6 Millionen Dollar im Jahr 2006 steigen sie nun auf 80,7 Millionen Dollar – vorausgesetzt natürlich, dass keiner der vielen Sponsoren abspringt. Auf den Nachfolger von Etienne de Villiers kommt viel Arbeit zu. Wer es wird, ist noch nicht geklärt.