Morgenpost Online: Herr Vatanen, warum sind Finnen so schnell?

Ari Vatanen: Wir haben so niedrige Spritpreise und eine gesunde Automobilindustrie wie in Deutschland.

Morgenpost Online: Bei uns klettern die Benzinpreise auf ständig neue Höchststände.

Vatanen: Ich habe Quatsch erzählt. Die Wahrheit ist: Wir produzieren Autos fast nur für den Export, und alles, was das Autofahren betrifft, ist bei uns extrem teuer.

Morgenpost Online: Dann liegt es also daran, dass die Finnen auf ihren vereisten Straßen besser trainieren können als die Piloten der großen Autofahrernationen Deutschland, Frankreich, England und Italien?

Vatanen: Schotter- und Eispisten gibt es in vielen Ländern. Und auch die Nachwuchsförderung ist anderswo besser als bei uns. Nein, ich glaube, dass wir Finnen einfach nur unbekümmerter sind als andere Nationen. Wir fahren mit Herzblut. Zugegeben, das ist ein Klischee. Aber wir haben, was wir mit „Sisu“ beschreiben, den absoluten Willen zum Sieg. Daraus schöpfen wir Konzentrationsfähigkeit und Selbstvertrauen.

Morgenpost Online: Noch ein Klischee: Die Finnen trinken zu viel Alkohol.

Vatanen: Wer Finnland nur aus den Filmen Aki Kaurismäkis kennt, mag denken, dass die Finnen die meiste Zeit betrunken herumtorkeln. Geborene Verlierer sind, psychisch labil, düster, wortkarg, aber irgendwie auch sympathisch. Die Wahrheit ist, dass der Finne ohnehin wenig redet, weil er die meiste Zeit nachdenkt. Er ist nämlich ein ganz sensibles Wesen. Immer fürchtet er, dass seine Mitmenschen schlecht über ihn denken.

Morgenpost Online: Vom neuen finnischen Formel-1-Weltmeister Kimi Räikkönen ist bekannt, dass er sehr schnell fährt und auch gern ausgelassen feiert. Wie verträgt sich ein ungesundes Verhältnis zum Alkohol mit seinen sportlichen Höchstleistungen?

Vatanen: Gar nicht, und ich möchte nichts bagatellisieren. Es gibt einen Witz bei uns in Finnland. Telefonieren zwei Freunde miteinander. Fragt der eine: Was machst du gerade? Antwortet der andere: Ich besaufe mich, und nebenbei trinke ich noch ein Glas Whisky.

Morgenpost Online: Ist Kimi Räikkönen also ein typischer Finne?

Vatanen: Ja, weil er feiern kann und hart arbeiten. Ich habe genau eine Woche vor dem Saisonfinale mit Ferrari-Teamchef Jean Todt, den ich noch aus gemeinsamen Rallyezeiten kenne, und seinem Sohn in Paris zu Mittag gegessen. Ich habe ihn gefragt: Wie macht sich Kimi? Er sagte: „Wunderbar. Ich kann ihm 100 Prozent vertrauen, er beschwert sich nie, kennt keine Tricks, auch wenn um ihn herum in der Formel 1 Politik gemacht wird. Und wenn er abends mal ein bisschen Alkohol trinkt, kommt er am nächsten Tag frisch zur Arbeit.“ Ich habe Kimi ein paar Mal getroffen. Er ist kein großer Redenschwinger, aber das sind wir Finnen alle nicht. Am Ende zählt doch, was unterm Strich herauskommt.

Morgenpost Online: Haben Sie Ihren Freund Jean Todt auch zu seiner persönlichen Zukunft bei Ferrari befragt? Es gab Rücktrittsgerüchte um ihn.

Vatanen: Ich will ihn immer überzeugen, dass er die Formel 1 verlässt. Er macht einen Höllenjob, arbeitet pro Tag 20 Stunden. Das kann man auf Dauer nicht durchhalten. Aber er ist noch nicht so weit, er wird dieses Jahr nicht zurücktreten, vielleicht nächstes Jahr.

Morgenpost Online: Kultregisseur Kaurismäki reduziert das Erfolgsgeheimnis Ihrer Landsleute auf eine einfache Wahrheit: „Der Finne an sich ist ein so guter Rennfahrer, weil er zu blöd ist, um Angst zu haben.“

Vatanen: Das ist gut. Finnen sind in allen Sportarten gut, wo man einen Helm braucht. Skifliegen, Eishockey, Rennfahren. Das ist doch kein Zufall. Wir haben exzellente Individualisten hervorgebracht, aber keine Teamplayer. Die finnische Fußballnationalmannschaft können Sie in der Regel vergessen. Da bräuchte jeder Spieler seinen eigenen Ball.

Morgenpost Online: Dafür stellte Ihre Nation sogar mal den Meister im Truck-Grand-Prix.

Vatanen: Verrückt, nicht wahr? Wir haben eine Schwäche für skurrile Wettbewerbe wie Lastwagenrennen. Wir veranstalten eine Luftgitarren-WM, eine Handyweitwurfmeisterschaft und eine Weltmeisterschaft im Saunieren. Immer dasselbe zu machen, wird uns schnell langweilig. Janne Ahonen, der Skispringer, brauchte im Sommer eine neue Herausforderung und fuhr Drag Racing. Das sind diese Beschleunigungsrennen, wo man am Ende mit einem Fallschirm abgebremst wird.

Morgenpost Online: Wird Kimi Räikkönen in seiner Heimat wie Vorgänger Mika Häkkinen jetzt zur Ikone?

Vatanen: Ja, und nicht nur er. Der Sog des Formel-1-Weltmeisters gereicht sogar Trittbrettfahrern zum Ruhm: Selbst der Moderator der Formel-1-Sendung in Finnland hat einen eigenen Fanklub. Das war früher noch etwas anderes. Als Keke Rosberg 1982 Formel-1-Weltmeister wurde, hatten ihn viele Sportjournalisten bei der Wahl zum finnischen Sportler des Jahres nicht mal in der engeren Wahl.