Dieter Hoeness durfte ins „Aktuelle Sportstudio“, am Sonntag tritt er in der „Sportschau“ auf. Am Abend wird Michael Preetz, Leiter der Lizenzspieler-Abteilung, beim regionalen Sender RBB gastieren – Hertha BSC läuft auf allen Kanälen. 14 Runden hat Fußball-Deutschland über das Offensivspektakel in Hoffenheim, den attraktiven Stil aus Leverkusen und die Buddhas von Titelverteidiger FC Bayern diskutiert. Doch nach dem 15. Spieltag staunt die Liga: Was erlauben Berlin? Hertha BSC belegt als Tabellenzweiter einen Champions-League-Platz.

Wer nun mutmaßt, beim „ewig überambitionierten Hauptstadt-Klub“ ("Süddeutsche Zeitung") gehe nach dem neunten Saisonsieg, einem 2:1 gegen den 1. FC Köln, jegliche Bodenhaftung verloren, wurde Samstag eines Besseren belehrt. Nach fast zweistündigem Training mit den Reservisten um Marko Pantelic kehrte Lucien Favre vor die Kabine zurück. Im dichten Schneetreiben zog er seine Fußball-Schuhe aus, schlug sie auf einer Matte aus, holte eine Bürste und putzte sorgfältig: erst den rechten Schuh, dann den linken. Der Trainer von Hertha BSC lebt vor, was er seiner Mannschaft predigt: Ruhe bewahren, fokussiert sein und die Details im Blick haben.

Favre, 51, war im Sommer 2007 gekommen und spielt nun die dritte Halbserie in Berlin – es ist die mit Abstand beste. Das „Schweizer Experiment“, das Manager Dieter Hoeneß eingegangen war, produziert ansehnliche Ergebnisse. Hoeneß hatte einen Trainer gesucht, der einen Umbruch moderieren und vorantreiben sollte. Es sollte ein Trainer mit moderner Spielauffassung sein, der keine astronomischen Summen für sein Personal benötigt. Favre hatte in der Schweiz mit dem kleinen FC Zürich 2006 und 2007 dem übermächtigen FC Basel jeweils die Meisterschaft weggeschnappt.

Mit Favre und Hoeneß haben sich zwei bekennende Sturköpfe gefunden. Der Schweizer sagte zweimal ab, doch der Hertha-Manager blieb hartnäckig und bekam seinen Wunschtrainer. Nach einem Übergangsjahr mit 18 Ab- und 15 Zugängen wird nun ersichtlich, was Favre stets propagiert hat. „Wir bauen eine Mannschaft, die 2010 um den Titel spielen kann.“
Dafür war es nötig, die Abhängigkeit von Schlüsselspielern zu beenden, ein Phänomen, das bei Hertha lange für Michael Preetz, Marcelinho und zuletzt für Marko Pantelic gegolten hatte. Erklärtes Ziel für diese Saison war, die Torgefahr aus dem Mittelfeld zu erhöhen. So erzielte Gojko Kacar gegen Köln sein fünftes Saisontor. In der internen Torjägerliste führt der Serbe damit gleichauf mit seinem Mittelfeld-Kollegen Cicero. Kacar und der Brasilianer sind zwei Beispiele für die neue Einkaufspolitik in Berlin. „Wir dürfen uns bei Transfers nicht irren“, sagt Favre. Kacar kam im Januar für drei Millionen Euro Ablöse aus Novi Sad, Cicero wurde im Juli für 800.000 Euro von Fluminense Rio de Janeiro ausgeliehen. Hertha hat eine Option für einen Vier-Jahres-Vertrag, die der Klub ziehen wird.

Favre legt Wert auf eine gesunde Konkurrenz im Kader. Die Mannschaft ist der Star. Das bekommt niemand so sehr zu spüren wie Marko Pantelic. Mit der Verpflichtung von Andrej Voronin im Sommer war für den Torjäger die Zeit des „Ich werde sowieso aufgestellt“ vorbei. Einen ersten Eklat, als Pantelic entgegen der Absprache sich einen Ball zum Elfmeter holte – und prompt verschoss (gegen Wolfsburg), sah der Trainer seiner Diva nach. Als Pantelic aber ein Training verpasste und den Machtkampf mit Favre suchte, reagierte der kühl: Der Stürmer wurde suspendiert und musste sich von der Bank aus wieder hereinkämpfen. Diese Geschichte wiederholte sich vergangene Woche: Weil Pantelic erboste, dass er nach einer Verletzung in Bochum erst in der Schlussphase eingewechselt wurde, ließ er über seinen Anwalt Wolfgang Müllenbrock eine Attacke reiten: „Der Trainer betreibt Mobbing gegen Pantelic.“

Favre hat von Mobbing noch nichts gehört

Favre, dessen Muttersprache Französisch ist, kokettierte: „Mobbing? Ich verstehe nicht. Was heißt das?“ Folge: Gegen Köln saß Pantelic erneut auf der Bank. Nach seiner Einwechslung köpfte das Enfant terrible spektakulär das späte Siegtor für Hertha (86. Minute).

Nach dem Schlusspfiff umarmten sich Trainer und Torjäger. Pantelic erzählte: „Ich habe Fehler gemacht. Dafür habe ich mich entschuldigt. Aber jetzt reiche ich dem Trainer die Hand. Ich kann mir vorstellen, dass wir auch über den Sommer hinaus mit dem Trainer zusammen Erfolg haben.“ Im Juni 2009 läuft der Vertrag von Pantelic aus, er würde gern bleiben.

Favre, der einen anderen Stürmer haben will, blieb bei seiner Linie. „Natürlich nehme ich die Hand von Marko an. Aber mich interessiert, was ich auf dem Platz sehe. Es ist mein Job, die beste Lösung für die Mannschaft zu finden.“

Und was ist mit dem Traum von der Champions League? Kapitän Arne Friedrich sagt: „Das ist ein Tabuthema. Nicht, weil wir nicht darüber sprechen dürfen. Aber wir sind einfach realistisch.“ Auch Bescheidenheit ist neu in Berlin – die Liga sollte aufpassen.