Morgenpost Online: Herr Kuranyi, seit der Pressekonferenz im Anschluss an Ihre Flucht von der Nationalmannschaft haben Sie einen Monat lang geschwiegen. War das nötig, um Abstand zu gewinnen?
Kevin Kuranyi: Ich wollte mich vollkommen auf meine Arbeit konzentrieren. Die Situation war schwierig, ich war mir bewusst, dass die Leute jetzt noch mehr von mir erwarten. Deshalb musste ich als Profi noch mehr dafür tun, um wieder richtig auf die Schiene zu kommen. Um ehrlich zu sein: In der Woche nach dem Vorfall in Dortmund war ich gedanklich in meiner eigenen Welt. Ich weiß heute etwa gar nicht mehr, was ich in meiner Pressekonferenz damals gesagt habe. Heute habe ich wieder Ruhe. Ich weiß, was los war. Und ich schätze einige Sachen anders ein.
Morgenpost Online: Welche konkret?
Kuranyi:
Ich habe herausgefunden, dass ich vorher oft versucht habe, es allen Menschen recht zu machen. Das konnte aber nicht gelingen. Ich habe meine Karriere Revue passieren lassen: Ich habe darüber nachgedacht, warum ich beispielsweise auch hier in Schalke ausgepfiffen worden bin oder warum einige Menschen eine schlechte Meinung von mir haben. Fast alles ist logisch zu erklären: Es gibt Menschen, die viele Tore von mir erwarten. Wenn ich weniger schieße, sind die mit mir unzufrieden. Dann gibt es andere, die erwarten in erster Linie, dass ich viel kämpfe und renne. Wieder andere erwarten, dass ich mich außerhalb des Platzes auf eine bestimmte Art gebe. Mir ist bewusst geworden, dass viele, teilweise widersprüchliche Erwartungen an mich gestellt werden. Ich kann aber nicht allen gerecht werden. Ich bin kein perfekter Mensch.
Morgenpost Online:
Wie war Ihr Eindruck von Joachim Löws Stimmung während des Telefonats, in dem Sie sich bei ihm entschuldigt haben?
Kuranyi:
Ich habe Löw gesagt, dass die Art und Weise, wie ich mich verabschiedet habe, schlecht war. Er hat meistens nur zugehört. Das war okay für mich. Ich habe versucht zu erklären, warum ich einen Schritt getan habe, den keiner von mir erwartet hätte. Selbst mein eigener Vater nicht. Das Problem aber ist, dass es sehr schwer für andere zu verstehen ist. Denn kein anderer hat in diesem Augenblick gefühlt, was ich gefühlt habe.
Morgenpost Online: Löw hat erklärt, er werde Sie künftig nicht mehr für die Nationalmannschaft nominieren.
Kuranyi: Wenn ein Trainer das gesagt hat, muss ich als Spieler versuchen, das zu akzeptieren.
Morgenpost Online: Hat der Ärger mit Löw dazu geführt, dass Sie und die Schalker Fans enger zusammengerückt sind? Manager Andreas Müller hat gar von einem Neuanfang gesprochen und eine Verlängerung Ihres bis 2010 laufenden Vertrags in Aussicht gestellt.
Kuranyi:
Wenn man in diesem Verein als Spieler einmal richtig angekommen ist, was bei mir etwas gedauert hat, wird man aufgenommen wie in einer Familie. Und wenn es dir schlecht geht, werden dir viele helfende Hände gereicht. Ob es ein Neuanfang ist, weiß ich nicht. Aber es gibt jetzt einen erfahreneren Kuranyi – und das wird sich für Schalke und für mich selbst lohnen. Es ist schön, dass Andy Müller meinen Vertrag verlängern will. Aber ich muss erst mal wieder richtig auf die Schiene kommen. Wenn das gelingt, sollten wir über eine Verlängerung reden.
Morgenpost Online: Fühlen Sie sich eigentlich noch als Nationalspieler und träumen Sie von einem Comeback?
Kuranyi:
Natürlich fühle ich mich noch als Nationalspieler, es ist alles noch sehr frisch. Ich hoffe nicht, dass mir ein Fehler alles verbaut hat. Ich habe 52 Länderspiele, bin 26 und habe hoffentlich noch viele Jahre vor mir. Irgendwann wird es wieder ein Ziel sein, für Deutschland zu spielen. Aber im Moment ist alles, so wie es ist, okay.
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