Über seine Erfolge führt Christoph Langen Bilanzen. Stolze Bilanzen. Er ist Olympiasieger, war Weltmeister, Europameister, Gesamtweltcupsieger, einer der eifrigsten deutschen Medaillensammler im Eiskanal. Nun hat sich der ehemalige Pilot den Unmut des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD) zugezogen.

Langen, der seine aktive Karriere vor drei Jahren beendete, wird vom BSD verdächtigt, das Know-how für seinen Zweierbob, mit dem er 2000 Weltmeister wurde, über eine Traunsteiner Firma an den russischen Verband verscherbelt zu haben. Mit dem Schlitten raste Alexander Subkow in Cesana/Italien vor zwölf Tagen zum EM-Titel; der deutsche Starpilot Andre Lange musste sich mit Silber begnügen. „Die Parallelen von Subkows und Langens Schlitten sind uns nicht entgangen“, sagt Stefan Krauß, Sportdirektor des BSD. Subkows Bob stammt von einer Kunststofffirma mit Sitz in Traunstein, deren Geschäftsführer Franz Wimmer ein enger Freund Langens ist.

BSD stellt sich hinter Langen

Der Olympiasieger von 2002 weist die Vorwürfe zurück. „Ich habe damit nichts zu tun.“ Er gibt an, vergangenes Jahr seine Werkstatt entrümpelt zu haben und „ein paar alte Rahmen und Hauben“ an „meinen Spezi“ verkauft zu haben, „anstatt sie teuer als Sondermüll zu entsorgen“. Sie setzten einen Kaufvertrag auf. Wimmer habe ihn bezahlt, aber laut Langen habe es für mehr als ein „Abendessen zu viert nicht gereicht“. Wimmer bestätigt das: „Wir spielen zusammen Golf, das ist alles.“ Doch ein anderer Bobbauer aus Bayern bringt Langen in die Bredouille. Der vermeintliche Urheber der Langen-Hauben, Sepp Singer aus Au, hält Subkows EM-Schlitten für ein Plagiat. „Das sind meine alten Teile, die ich für Langen gemacht habe.“


BSD-Mann Krauß ließ sich in einer Gesprächsnotiz schriftlich versichern, dass Langen keine Geheimnisse weitergegeben hat. Aber wie will Krauß ausschließen, dass der neue Bobbaumeister Wimmer seinen Kumpel Langen bei Loch 18 um einen fachmännischen Rat bat? Und wie anrüchig ist das überhaupt?

Weitergabe von geistigem Eigentum im Bobsport ist nicht strafbewehrt. Einerseits gehört Abkupfern zur Tagesordnung, andererseits ist ein anstößiger Handel mit Ideen schwer nachzuvollziehen. „Konstruktionen werden modifiziert und über die Jahre weiterentwickelt“, sagt Ex-Europameister Rene Spies, der vor der Saison seine Karriere beendet und eine Trainerausbildung begonnen hat. „Aber es gibt einen Ehrenkodex, wonach deutsche Trainer, Fahrer und Betreuer ihr Wissen und Material nicht an einen direkten Konkurrenten weitergeben sollen.“

Vorteil dahin

So sah es der BSD nicht gern, als Viererolympiasieger Harald Czudaj als Trainer im Ausland deutsches Kufenmaterial mitbrachte. Der Verband ging darüber hinweg, weil die Niederländer, die Czudaj bei den Olympischen Spielen 2006 betreute, den Deutschen nicht gefährlich werden konnten.

Anders würde es sich bei Subkow verhalten. Übel stößt dem BSD zudem auf, dass Langen die Sportförderkompanie leitet – und die Bundeswehr ist ein großer Förderer der deutschen Wintersportler. Krauß schätzt Langens Know-how und wollte ihn an den BSD binden, doch Langen wollte sich mit einem Beraterjob bei der FES, der Berliner Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte nach eigener Aussage „nicht abspeisen“ lassen.

Die Affäre Langen trifft den BSD an einem äußerst sensiblen Nerv. Denn Langens teaminternen Widersacher von einst, Andre Lange, plagen Materialprobleme. Seit Einführung des Einheitsstahls ist der Vorteil dahin, der ihm bei den Winterspielen 2006 zwei Olympiasiege einbrachte. Die Schwächen seines FES-Bobs konnte er zuletzt nicht einmal mit seinen überragenden Startzeiten ausgleichen.

Lange testete mit Singer-Bob

Lange testete in der vergangenen Woche einen Bob von Sepp Singer und war um bis zu dreieinhalb Zehntelsekunden schneller. Beim Weltcup am Wochenende in Königssee und wohl für den Rest der Saison wird er sich einen Singer-Bob gegen Gebühr ausleihen. Auch wenn FES-Chef Harald Schaale den Wechsel zum Konkurrenten herunterspielt („Die Defizite können schnell behoben werden“), wäre es für das staatlich subventionierte Forschungslabor höchst unangenehm, wenn Lange beim Saisonhöhepunkt in Altenberg/Sachsen am 23. und 24. Februar in einem Singer-Bob WM-Gold gewinnen würde.

Die Erfolge des privaten Dreimannbetriebs „Singer-Carbon“ dürften der FES zu denken geben. Sepp Singer, wie Langen ein begnadeter Tüftler, lässt vor und nach der Saison in Lillehammer neues Material zur Probe fahren, während die Materialspezialisten der FES kaum Praxistests durchführen. Fünf der sieben Viererbobs bei der EM konstruierte Singer. Auch Matthias Höpfner, der zweite deutsche Pilot, fährt seit den deutschen Meisterschaften im Vierer die „Eisbombe aus Oberbayern“.

Singer weiß, wie es ist, als Vaterlandsverräter geächtet zu werden. Aber der Bastler ist Unternehmer, war nie mit dem BSD verbandelt. Bis vor zwei Jahren hatte er einen Exklusivvertrag mit dem russischen Verband. Langen erregte dagegen schon Misstrauen, als er vier Kufensätze an ausländische Teams verkaufte. Er sagt: „Sonst ist alles in Deutschland geblieben.“ Sein Rat an den BSD: „Die sollten sich lieber um ihre eigenen Probleme kümmern, als nachzuforschen, wer welches Material weitergeben hat."