Morgenpost Online : Herr Wowereit, wie finden Sie die Spiele bisher?

Klaus Wowereit : Sportlich ist das – wie immer – auf einem hohen Niveau. Wir haben viele Weltrekorde erlebt. Olympische Spiele bieten aber neben Glanzpunkten immer auch Enttäuschungen. Ich denke jedenfalls, dass die Chinesen beweisen, dass sie diese große Veranstaltung perfekt organisieren können.

Morgenpost Online : Haben Sie denn schon etwas vor Ort gesehen?


Wowereit: Ich habe mir das Halbfinale der Hockey-Damen angeschaut, leider haben die Deutschen 2:3 gegen China verloren. Aber es war eine schöne Atmosphäre – auch wenn es nicht zum Sieg und zum Finale gereicht hat.


WELT ONLINE : Gehen Sie auch ins „Vogelnest“?


Wowereit : Das wird natürlich mein Schwerpunkt sein – mit Blick auf die Leichtathletik-Wettkämpfe im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft 2009. Vor allem deshalb sind wir hier. Um Werbung zu machen für diese Spiele, die in Berlin stattfinden werden.


Morgenpost Online : Was kann man in Peking für die Organisation der WM in Berlin lernen?

Wowereit : Wir haben unsere Experten dabei, die für das Organisationskomitee die Spiele vorbereiten – sowohl in technischer Hinsicht als auch in organisatorischer Hinsicht. Die werden sich die Programmabläufe genau ansehen. Da wird es sicher Details geben, in denen noch etwas verbessert werden kann. Das ist dann ein Erfahrungsschatz, der für die nächsten Großereignisse genutzt wird.


Morgenpost Online : Der Olympiapark war zu Beginn der Spiele ziemlich leer, weil alles weiträumig abgesperrt war. Wird das in Berlin ähnlich sein?

Wowereit : Olympische Spiele haben eine andere Sicherheitsvoraussetzung als Weltmeisterschaften, trotzdem muss man die Sicherheit garantieren. Wir werden erreichen müssen, dass die Zuschauer sich nicht über Gebühr kontrolliert fühlen und einen leichten Zugang zum Stadion haben. Wir können da auch die Erfahrungen der Fußball-Weltmeisterschaft nutzen. Es wird in Berlin sicher leichter sein, ins Stadion zu kommen, als das hier der Fall ist.


Morgenpost Online : Wird man das Olympiastadion voll kriegen?

Wowereit : Das ist die Herausforderung. Wir haben das ambitionierte Ziel, 500.000 Tickets abzusetzen. Wir sind jetzt schon bei 145.000 verkauften Tickets angelangt, das ist ein gutes Anfangsergebnis. Aber wir müssen weiter alles tun, um Werbung zu machen. Das Olympiastadion ist groß. Im Vergleich: Die Weltmeisterschaft in Helsinki hatte eine Zuschauerkapazität für 32.000. In Osaka zuvor war das Stadion zwar größer, aber es wurden nicht wesentlich mehr als 30.000 Karten verkauft. Also ist es eine herausragende Aufgabe, jeden Abend mindestens 50¿000 Zuschauer im Stadion zu haben.


Morgenpost Online : Franz Beckenbauer hatte bei der Fussball-WM 2006 durchgesetzt, dass Billig-Tickets verkauft wurden. Können Sie das auch in Aussicht stellen?

Wowereit : Wir haben ein gestaffeltes Preissystem, die Karten sind erschwinglich für jeden. Das heißt aber auch, dass wir die Tickets nicht verschleudern werden. Das wäre ungerecht gegenüber denjenigen, die sich rechtzeitig Karten gekauft haben. Es wird keine Spekulation möglich sein, dass man am letzten Tag noch umsonst ins Stadion kommt.


Morgenpost Online : Mögen sie die Architektur des Pekinger Stadions?

Wowereit : Der Bau gefällt mir sehr gut. Ich habe es bisher nur von außen gesehen, aber alles, was ich gehört habe, ist, dass es intimer wirkt, als man es bei einem Stadion für 91.000 Menschen erwarten würde.


Morgenpost Online : Haben Sie Britta Steffen getroffen?

Wowereit: Sie ist schon wieder in Deutschland, unsere Wege müssen sich gekreuzt haben.


Morgenpost Online : Haben Sie ihre Siege in Berlin verfolgt?

Wowereit: Ja, klar! Nach dem mäßigen Erfolg, um das vorsichtig auszudrücken, der deutschen Schwimmerinnen und Schwimmer war das eine grandiose Leistung. Sie hat sich nicht runterziehen lassen, sondern ist ihren Weg gegangen. Wenn man gesehen hat, welche Emotionen dahinter standen, speziell nach dem Sieg über 100 Meter, muss man tiefen Respekt haben. Und dann noch über 50 Meter zu gewinnen, wo sie nicht zu den Favoriten gehörte – das war herausragend. Sie ist aus deutscher Sicht sicher eine der dominierenden Sportlerpersönlichkeiten, die sich hier in Peking herauskristallisiert haben.


Morgenpost Online : Wie steht es um die Berliner Olympia-Ambition?

Wowereit : Berlin stand bereit, für Deutschland um die Olympischen Spiele 2020 ins Rennen zu gehen. Der deutsche Sport hat sich allerdings anders entschieden und kandidiert statt für Sommerspiele um die Winterspiele 2018 mit München. Diese Entscheidung müssen wir so hinnehmen. Ob es eine kluge Entscheidung des deutschen Sports war, werden wir erst beurteilen können, wenn die Entscheidung für 2018 gefallen ist.



Morgenpost Online : Ist Berlin denn bereit, weiterzumachen?

Wowereit : Berlin steht immer bereit, wenn der deutsche Sport es will. Ich glaube, dass Deutschland gut beraten wäre, nicht automatisch aufzugeben. Es ist heute unheimlich schwer, eine große internationale Veranstaltung nach Deutschland zu holen. Es gibt einen jahrelangen, harten Kampf, und der muss professionell und einheitlich betrieben werden. Interne Auseinandersetzungen bringen wenig. Der deutsche Sport muss sich festlegen, mit wem er ins Rennen gehen will. Ist es Hamburg, dann wird Berlin das unterstützen. Ist es Berlin, dann werden wir mit Volldampf an den Start gehen. Aber alle müssen an einem Strang ziehen, von der Politik über die Sportpolitik bis hin zur Bevölkerung, in der positive Emotionen da sein müssen.



Morgenpost Online : Waren Sie vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit der Entscheidung für München 2018 enttäuscht?

Wowereit : Das ist eine Frage der Erwartungshaltung. Ich hatte den Eindruck, dass es nicht im Interesse des DOSB war, dass eine deutsche Stadt sich um die Sommerspiele bewirbt.



Morgenpost Online : Wenn man den Olympia-Turnus anschaut, Europa, Asien, Rest der Welt, gäbe es vor 2030 keine Chance.

Wowereit : Wieso? Nach 2020 gibt es auch 2024. Man weiß nicht, wer 2020 den Zuschlag bekommt. Da kann Europa dran sein, es muss aber nicht dran sein. Bei solchen Projekten denkt man ohnehin in langfristigen Zeiträumen. Wir hätten es 2020 gerne gemacht. Aber der deutsche Sport wollte nicht.


Morgenpost Online: Sie haben auch viele internationale Kontakte. Gibt es da Ressentiments wegen der Olympischen Spiele 1936?


Wowereit : Ich weiß nicht, ob das völlig aus den Köpfen verschwunden ist. Aber ich habe bei sportlichen Großveranstaltungen wie der Leichtathlektik-WM, der Fußball-WM der Männer 2006 und der Frauen 2011 nie einen Bezug zu Olympia 1936 erlebt. Die letzten Olympischen Spiele in Deutschland waren 1972, das ist der Anknüpfungspunkt. Und Sommerspiele haben immer etwas Identifikationsstiftendes, weit über die sportlichen Ereignisse hinaus. Auch deshalb hätten wir gerne die Spiele 2020 in Berlin gehabt.


Morgenpost Online : Formel-1-Chef Bernie Ecclestone will mehr Rennen in Städten durchführen. Gibt es da Ideen für Berlin?

Wowereit : Es gab mal vorsichtige Anfragen, aber die haben wir negativ beschieden. Einen Stadtkurs kennt man in Monte Carlo, aber man sollte das nicht ausdehnen.



Morgenpost Online : Es wird diskutiert, ob Golf olympische Disziplin wird. Wie stehen Sie dazu?

Wowereit : Da gibt es immer auch schnell die Grundfrage, inwieweit Profisport bei Olympia vertreten sein sollte. Wenn Tennis olympische Sportart ist, könnte es allerdings auch Golf sein. Aber ich glaube, die Golfer können es verkraften, wenn ihr Sport nicht olympisch wird.