Die Augenblicke, in denen Jacques Rogge den Sportlern beweist, dass er das Internationale Olympische Komitee in ihrem Interesse führen will, sind nicht gespielt. Bei den Spielen logiert der Arzt aus Belgien zumindest vorübergehend im Athletendorf statt mit den vom Luxus verwöhnten Kollegen in der Sechssterne-Herberge.

Oder er macht sich am Computer vertraut mit den Interessen der Jugend.

„Das hilft, die neuen Trends zu verstehen“, sagt Rogge, der vor sechs Jahren angetreten ist, seine reaktionäre Organisation auf modern zu trimmen. Er überlegt mit den Kollegen gar, Skateboarding ins Olympiaprogramm aufzunehmen: „Wir müssen mit den Zeiten Schritt halten, weil Sport auch einer Evolution unterliegt.“ Gerade hat Rogge mit seinem Komitee eine Woche lang in Guatemala getagt. Die Herren der Ringe haben Sotschi zur Ausrichterstadt der Winterspiele 2014 gewählt, sie haben die Einführung von Olympischen Jugendspielen ab 2010 beschlossen, sie haben die Regeln zur Änderung des olympischen Programms verändert, damit der Austausch von Sportarten leichter wird, und sie haben über Doping debattiert. „Wir vermuten, dass sich viele Sportverbände in maßgeblicher Weise noch nicht dem Kodex der Weltantidopingagentur unterwerfen“, klagte deren Chef Richard Pound, „wer sich nicht dem Kodex unterwirft, kann nicht im olympischen Programm bleiben.“

Kandidiert Rogge 2009 noch einmal?

Seit sechs Jahren nun führt Rogge das Komitee, nach den Spielen in Peking will er entscheiden, ob er sich 2009 zur Wiederwahl für ein letztes Mandat von vier Jahren stellt. Alles hängt davon ab, ob der Belgier weiterhin seine Energie aufbringen will, obwohl er nach drei Vierteln seiner ersten Amtszeit erkennen muss, dass das Gros der Kollegen nur nach außen den Schein erwecken will, eine transparente und ehrenwerte Organisation darzustellen.

Nicht zuletzt in Guatemala wieder musste Rogge mit ansehen, wie seine Ideale sabotiert werden. Die Wahl der Olympiastadt erinnerte an die Zeiten vor dem großen Korruptionsskandal bei der Vergabe der Winterspiele 2002 nach Salt Lake City, als erstmals aufflog, dass sich viele Herren der Ringe im großen Stile schmieren lassen haben. Den Zuschlag gegenüber Pyeongchang (Südkorea) und Salzburg erhielt der Sommerurlaubsort Sotschi am Schwarzen Meer, weil der russische Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich die IOC-Mitglieder umgarnte, seinen mächtigen Energielieferanten Gazprom als IOC-Sponsor versprach und Investitionen in die Infrastruktur in Höhe von zwölf Milliarden Dollar. Rogges IOC-Kollegen haben einer Computeranimation den Zuschlag gegeben, weil moderne Korruption längst geschickter geregelt wird – über Bauaufträge, Entwicklungshilfe für arme Länder, Trainingslager. „Wenn man weiß, was hinter der Bühne läuft, sind wir stolz, dass wir das nicht brauchen“, zürnte der Generalsekretär des Österreichischen Olympischen Komitees, Heinz Jungwirth, nach Salzburgs zweitem Scheitern, „das war eine Bewerbung des Geldes.“

Hinter den Kulissen positionieren sich Rogges Nachfolge-Kandidaten

Brav hat Rogge die Wahl offiziell verteidigt, während hinter den Kulissen bereits ambitionierte Olympier die Chancen sondieren, seine Nachfolge anzutreten. Auch der Anführer des Deutschen Olympischen Sportbundes Thomas Bach gilt als Kandidat. Das erklärt auch, warum er nach dem wachsenden öffentlichen Druck, Deutschland müsse sich um Olympia bewerben, vorsichtig eine Münchner Kandidatur um die Winterspiele 2018 zu unterstützen bereit scheint, obwohl er bis vor Kurzem widerwillig schien.

Die Wahl dazu erfolgt 2011, Sommerspiele hingegen, die deutlich attraktiver sind und die Hamburg und Berlin anstreben, werden 2009 und 2013 vergeben. In den beiden Jahren käme Bach eine deutsche Bewerbung ungelegen: Je nachdem, wann Rogge abtritt, könnte ihm da ein Wahlkampf in eigener Sache winken. Und so vermessen, bei den Kollegen erst Stimmen für die eigene Präsidentschaft einzutreiben und dann auch noch die Voten für die Spielekandidatur, wäre kein gewiefter Olympier.