Mit der Schlusssirene sank Kevin Garnett in der Spielfeldmitte im TD Banknorth Garden von Boston auf die Knie und küsste das Kleeblattlogo auf dem Parkett. Überdeutlich zeigte die theatralische Szene, wie sehr das Ende der Championatsdürre in Boston herbeigesehnt worden war: Im sechsten Spiel der Finalserie („best of seven“) der nordamerikanischen Basketballliga NBA hatte Rekordmeister Boston Celtics den entscheidenden vierten Sieg gegen die Los Angeles Lakers gelandet und sich nach 22 Jahren zum 17. Mal den Titel gesichert.

Mit 131:92 wurden die Lakers regelrecht demontiert, und die Celtics sicherten sich mit 39 Punkten Differenz im entscheidenden Finalspiel einen NBA-Rekord. Dabei hatte es zu Beginn des Play-offs nicht gut ausgesehen für das beste Team der regulären Saison: Insgesamt 26 Partien benötigte Boston, um den Titel zu gewinnen, auch das ist ein Rekord. Gegen die erheblich schwächer aufgestellten Atlanta Hawks in der ersten Play-off-Runde mussten die Celtics ebenso über sieben Begegnungen gehen, wie gegen ihren Zweitrunden-Opponenten, die Cleveland Cavaliers. Im Halbfinale gegen die Detroit Pistons waren immer noch sechs Spiele zum Sieg notwendig.

Die Lakers scheiterten an der Defense der Celtics


Los Angeles hatte hingegen lediglich 15 Spiele für den Finaleinzug benötigt und konnte entsprechend frischer aufspielen. Allein, genützt hat es ihnen wenig. Vor allem der Verteidigung der Boston Celtics hatte Los Angeles zu wenig entgegenzusetzen. Kobe Bryant, Anfang Mai als wertvollster Spieler der NBA ausgezeichnet, erzielte in den abschließenden drei Spielvierteln lediglich elf Zähler und konnte seine Mannschaft nach einem 25-Punkte-Rückstand zur Halbzeitpause nicht mehr an die Leistung der Celtics heranführen.

„Dass wir vom Talboden des Vorjahres ganz bis an die Spitze geklettert sind, ist ein Traum“, sagte Paul Pierce, der in den Finalpartien im Schnitt 21,8 Punkte erzielte und einstimmig zum wertvollsten Spieler des Finales gewählt wurde.

Vor einem Jahr noch das zweitschlechteste Team der Liga

Vor einem Jahr war Boston mit nur 24 Siegen die Saison als zweitschlechtestes Team abgeschlossen, unterboten lediglich von den Memphis Grizzlies (22). Mit der Verpflichtung von Ray Allen und Kevin Garnett in der Sommerpause sollte der Neuaufbau eingeleitet werden und Pierce Unterstützung bekommen. Doch statt des längerfristig angelegten Wiederaufstiegs aus dem Tabellenkeller starteten die neuen Celtics sofort durch, legten zum Saisonauftakt acht Siege in Folge hin und hatten zum Jahreswechsel bereits mehr Spiele gewonnen (26) als in der gesamten vorigen Saison.

Für Garnett, Allen und Pierce, die drei All-Star-Spieler der Celtics, die nie einen Meisterschaftsring gewinnen konnten, bedeutet der Titel die ersehnte Bestätigung ihres Leistungsvermögens, doch vor allem für Pierce ist der Sieg auch Genugtuung. Vor zehn Jahren von den Celtics in der ersten Runde der Draft ausgewählt und seitdem ein Bostoner, hatten Charakterschwächen immer wieder das Talent des inzwischen 30-Jährigen in den Schatten gestellt. Pierce, der 15 Celtics-Rekorde hält, galt als launisch und notorischer Nörgler.

Pierce wuchs im Finale über sich hinaus

Mit dem Zugang von Garnett und Allen, der etwas Druck von den Schultern des Teamkapitäns nahm und die Erwartungen auf mehrere Spieler verteilte, lebte Pierce auf und wuchs schließlich im Finale über sich hinaus. Im ersten Finalspiel wurde er mit einer Knieverletzung im Rollstuhl vom Spielfeld geschoben, in den folgenden fünf Partien lief er dennoch mit der Knieprellung auf und spielte unwiderstehlich.

„Paul gehört zu meinen favorisierten Spielern“, lobt inzwischen sogar Kobe Bryant, der sich mit seiner wenig einnehmenden Persönlichkeit auf dem Weg zu Anerkennung und Lob ebenso wie Pierce oft selbst im Weg stand. „Paul ist zäh, und sein offensives Spektrum ist vielseitig: Er kann aus der Distanz und der Mitteldistanz treffen, zieht zum Korb, kann links und rechts vorbeiziehen – ich sehe ihn gern spielen, und ich spiele gern gegen ihn. Er ist fantastisch.“

sid/jr