Eine alte Frage: Warum gehen die Leute zum Fußball? Trainer Sepp Herberger kannte die Antwort: weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Seit den Fünfzigerjahren und dem „Wunder von Bern“ erfahren die Deutschen aktuell aus zwei Quellen, wie samstags die Bundesliga ausgeht, nämlich der Schaltkonferenz der Radiosender und der „Sportschau“. Die Fernsehsendung steht immer wieder infrage, wenn es um die Übertragungsrechte geht.
Das Kartellamt hat vergangene Woche die Pläne für eine künftige Bundesliga-Vermarktung gekippt. Die Deutsche Fußball-Liga will mehr Geld einnehmen, insgesamt 500 Millionen Euro im Jahr, und dafür dem Unternehmen Sirius von Leo Kirch mehr Exklusivität garantieren. Sprich: Zusammenfassungen der Spiele im frei empfangbaren Fernsehen erst nach 20 Uhr oder 22 Uhr. Gegen das Kartellamt laufen nun auch die Vereine Sturm, besonders die Spitzenklubs fürchten Mindereinnahmen, mit denen das Niveau weniger schnell steigen kann als gewünscht.
Jenseits der – nachvollziehbaren – rhetorischen Viererketten von Unternehmern und Klubmanagern muss man feststellen, dass der deutsche Fußball zu einem besonderen Maß in der Gesellschaft ruht. Auch wenn der Schwung der letzten Jahre eher über die Nationalmannschaft kam, profitiert die Bundesliga doch von der gewachsenen Begeisterung. Die „Sportschau“ funktioniert als kulturelles Ritual seit mehreren Generationen, egal, ob sie in der ARD stattfindet oder bei Sat.1 „Ran“ heißt. Fußballverbundenheit ist keine plötzliche Eventzüchtung, sondern eben auch eine Traditionsfrage. Kinder lernen die Klasse ihrer Heimatvereine um 18 Uhr kennen, nicht um 22 Uhr.
Exklusivität und Pay-TV führen zu verändertem Gefüge
Der für Sport zuständige Minister Schäuble hat gerade im Zusammenhang mit dem Kontingent ausländischer Spieler davor gewarnt, den Fußball vom Empfinden der Zuschauer zu lösen und eine Situation wie beim Eishockey herbeizuführen. Für die Fernsehübertragung gilt das Gleiche: Exklusivität und Pay-TV führen zu einem veränderten Gefüge. Es gibt in der Bundesrepublik ein seit Jahrzehnten gewachsenes Gefühl für soziale Gleichheit, das sich auch in der Anhänglichkeit für das „Sportschau“-Modell zeigt. Die Deutschen hängen in ihrem instinktiven Konservatismus am Bewährten. Sie empfinden die samstägliche Übertragung als Teil einer Grundversorgung. Man mag das als Besitzstandswahrung schelten, doch nicht nach jeder Reform wird die Lage besser – besonders nicht, wenn sie offensichtlich interessengeleitet ist.
Überdies hängt der Erfolg des deutschen Fußballs nicht nur am zusätzlichen Fernsehgeld. Das sportliche Niveau der Bundesliga wird liebend gern gescholten und auf fehlenden Erfolg in der Champions League verwiesen. Tatsächlich haben sich die Ligen in England, Spanien und Italien stark verändert, der Großteil des neuen Geldes, das in den Fußball fließt, stammt jedoch aus Mäzenatentum. Und das Ergebnis ist zwiespältig. Entscheidend dort sind immer nur drei oder vier Vereine, die übrigen taugen oft nur als Kanonenfutter.
In der Bundesliga aber kann Bielefeld an guten Tagen selbst die Bayern schlagen; der FC Fulham hat gegen Manchester United eher keine Chance. Aus der Sicht des Zuschauers: ein Verlust an Qualität. Der britische Autor Mark Perryman hat gerade erklärt: „Unsere Liga ist teuer und langweilig.“ Er prognostiziert, dass in einer Generation die Liebe der Engländer zum Fußball erkaltet, weil die Mehrheit die Bilder nicht mehr zu sehen bekommt.
Hoffenheim als Beispiel für modernes Mäzenatentum
In Deutschland tritt in diesem Jahr mit 1899 Hoffenheim erstmals ein Verein in der Ersten Liga an, der genau nach dem englischen Modell funktioniert. Mäzenatentum, eine vorbildliche Jugendarbeit und moderne Trainingsmethoden. Man wird sehen, ob dies ein Weg für den Fußball ist. Der deutsche Gewinn der U-19-Europameisterschaft ist ebenfalls ein feines Signal. Die Liga erntet die Früchte der vergangenen Jahre. Auf jeden Fall lohnt es sich, dabei zuzusehen.
Es gibt also viele Gründe für die Vereine, sich weiter zu entwickeln und andere Wege einzuschlagen. Der Umweg der Verknappung des Angebots gehört nicht unbedingt dazu. Fußball hat eine öffentliche Qualität – und auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Wer die Bundesliga wachsen sehen will und ihr eine verheißungsvolle Zukunft wünscht, der muss die Spiele zeigen. Woche für Woche.
Der Erfolg des deutschen Fußballs hängt nicht am zusätzlichen Fernsehgeld





