Wer ganz genau hinsieht, erkennt noch die Spuren, die Lionel Messi im Gesicht von René Adler, 23, hinterlassen hat. Bei der U20-Weltmeisterschaft schoss der Argentinier so scharf auf das deutsche Tor, dass selbst die brillanten Reflexe des deutschen Schlussmanns nicht ausreichten, um rechtzeitig die Fäuste hochzureißen. Der Ball klatschte ins Gesicht und brach ihm das Nasenbein. Ein kleiner Höcker erinnert noch heute an die 0:1-Niederlage am 18. Juni 2005.
Irgendwann in den nächsten Jahren wird es Revanche geben, so viel dürfte sicher sein. Entweder in der Champions League oder bei einer Weltmeisterschaft. Denn die Junioren von einst spielen mittlerweile auf höchstem Niveau. Messi als Torjäger des FC Barcelona und der argentinischen Auswahl, Adler im Tor der deutschen Nationalmannschaft und bei Bayer Leverkusen, seit Freitagabend ist der Klub Spitzenreiter der Bundesliga. Das wird sich am Sonntag zwar ändern, wenn es im Spiel zwischen dem Hamburger SV und der TSG Hoffenheim einen Sieger gibt, doch momentan ist der Tabellenplatz den Leverkusenern ohnehin ziemlich egal.
Es ist die neue Konstanz, die nach dem 2:0 (0:0) im rheinischen Prestigeduell gegen den 1. FC Köln ein Strahlen ins Gesicht von Trainer Bruno Labbadia zauberte. Die vergangene Saison hatte Leverkusen auf einem enttäuschenden siebten Platz beendet, Trainer Michael Skibbe musste gehen. Jetzt ist die Mannschaft mit einer Tordifferenz von plus elf die effektivste der Liga.
Adler nutzt Chance in der Nationalelf
René Adler hat dazu maßgeblich beigetragen. Sein Aufstieg zum derzeit besten deutschen Torwart verlief parallel zum Leverkusener Höhenflug. „Ihn in unseren Reihen zu haben, ist großartig. Er ist ein sehr junger Torhüter, der aber schon einen großen Erfahrungsschatz hat. Mit ihm und anderen jungen Spielern wollen wir diese Mannschaft etablieren“, schwärmt Labbadia.
Der Aufstieg vom Reservetorwart zum „Bundes-Adler“ dauerte nur anderthalb Jahre. Am 25. Februar 2007 debütierte er in der Bundesliga, im Sommer 2008 nahm Bundestrainer Joachim Löw ihn als dritten Torwart mit zur Europameisterschaft. Als anschließend Jens Lehmann zurücktrat und Robert Enke verletzungsbedingt ausfiel, nutzte Adler seine Chance: Mit tadellosen Leistungen gegen Russland (2:1) und Wales (1:0) beendete er die Torwartdiskussion, bevor sie richtig aufgekommen war. Mit 23 Jahren ist er der jüngste Nationaltorwart seit Bodo Illgner, der seinen Einstand mit 20 Jahren feierte.
Rüdiger Vollborn beobachtet den Rummel um Adler mit gemischten Gefühlen: „Im Moment ist mir der Hype zu groß. Er wird derzeit sehr hochgejubelt, da fehlt mir manchmal die Objektivität. Wir sind in der Lage, seine Leistungen realistisch einzuschätzen.“ Der Rekordspieler von Bayer Leverkusen (401 Bundesligaspiele) trainiert die Torhüter des Werksklubs und darf getrost als Ziehvater von Adler gelten.
Er holte ihn als 15-Jährigen vom VfB Leipzig nach Leverkusen. Als sich keine Gastfamilie fand, bot er seinem Arbeitgeber ein Geschäft an: „Ich habe gesagt: Wenn ihr mir mein Dachgeschoss ausbaut, nehme ich den René auf.“ So geschah es: Vier Jahre lebte Adler bei Familie Vollborn unter dem Dach und wurde vom Hausherren ausgebildet. „Ich habe René zum ersten Mal bei der U15 gesehen. Als mich die Leverkusener Jugendtrainer fragten, was ich von ihm halte, habe ich nur gesagt: überragend.“ Seiner Frau schwärmte er nach der Dienstreise vor: „Ich habe den neuen Nationaltorwart gesehen.“
Muster an Beständigkeit
Seitdem ist Adler sein „Projekt“, wie Vollborn schmunzelnd sagt: „Obwohl es eher so ist, dass er sich mich ausgesucht hat als umgekehrt. Als wir 2000 über einen Wechsel redeten, lagen ihm auch zahlreiche andere Angebote vor. Er hat sich auch für Bayer entschieden, weil er mit mir arbeiten wollte.“ Die Lehrjahre sind mittlerweile Vergangenheit. Trotz seines jungen Alters gilt Adler als Muster an Beständigkeit. Anders als Konkurrenten wie Tim Wiese oder Roman Weidenfeller wirkt das Spiel des Leverkuseners geerdet, auf Effekthascherei verzichtet er: „Ich bin permanent fokussiert auf den Ball. Ich analysiere das Spiel in jeder Sekunde.“
Seine Bodenständigkeit ist hausgemacht. „René ist wohlerzogen. Seine Eltern, aber auch ich und meine Familie achten sehr darauf, dass er nicht abhebt“, sagt Vollborn. Bei Kerstin und Jens Adler in Leipzig stehen noch Renés erste Fußballschuhe im Schrank. „Die haben wir ihm mit drei Jahren gekauft und vorn mit Watte ausgestopft, weil sie zu groß waren“, erzählte Mutter Adler einmal. Vielleicht hat der Sohn sein Fußballtalent von ihr geerbt. Schließlich stand sie selbst einst im Fußballtor – in der Damenmannschaft des SV Liebertwolkwitz, einem Leipziger Stadtteilverein. Heute erledigt sie für die Fußballabteilung noch die Buchführung.
Im Liebertwolkwitzer Vereinsheim hat Thomas Röhr eine Adler-Fanecke eingerichtet – auch wenn der nie im Klub gespielt hat. „Er war aber von klein auf mit seinen Eltern hier, hat zuletzt vor sechs Wochen vorbeigeschaut. Wenn er da ist, isst er immer eine Soljanka. Die liebt er“, sagt der Wirt. Am Freitagabend saß Röhr in seiner Kneipe mit den Spielern der ersten Herrenmannschaft zusammen und guckte das Rheinderby. Wegen Adler natürlich, „oder glauben Sie, sonst würden wir in Leipzig Leverkusen gegen Köln anschalten?“ An der Wand hängt ein Nationaltrikot von Adler. Allerdings das von der EM, mit der Nummer 23. „Ich hoffe, er bringt beim nächsten Mal ein neues mit“, sagt Röhr. Eines mit der Nummer Eins.


