Als Jürgen Klinsmann noch Teenager war und seinen Elan und Ehrgeiz beim SC Geislingen auslebte, trainierte 60 Kilometer entfernt ein "Wundermann" den VfB Stuttgart. Jürgen Sundermann hatte den Spitznamen weg, weil er aus dem Zweitligisten gegen Ende der 70er-Jahre fast im Handumdrehen einen Spitzenklub der 1. Fußball-Bundesliga machte und so seine Gattin in Sachen Prominenz noch übertraf. Monika Sundermann arbeitete damals für das ZDF als Assistentin von Hans Rosenthal in der überaus beliebten Rateshow "Dalli Dalli".

Ganz schnell wird jetzt auch von Klinsmann Großes erwartet, mindestens eine sportliche Revolution, auf seiner ersten Station als Vereinstrainer. Doch mit Rekordmeister FC Bayern ist der 44-Jährige trotz Masterplan mit zwei Unentschieden gegen Hamburg (2:2) und in Dortmund (1:1) in die neue Spielzeit gestartet, was Platz 10 in der Tabelle bedeutet: punkt- und torgleich mit Arminia Bielefeld. In Relation zu den Ambitionen der Bayern, die Klinsmann für den Kampf um die Champions-League-Trophäe endlich wieder konkurrenzfähig machen will, ist das eine sehr mäßige Zwischenbilanz. So schnell, wie die Statistiker den schlechtesten Saisonauftakt der Münchner in diesem Jahrtausend ausgespuckt hatten, konnte der Sonnyboy sein Lächeln gar nicht wiederfinden. Viel fehlt nicht mehr, bis der erste Kritiker Klinsmann nahelegt, wegen seiner Visionen zum Arzt zu gehen.

Klinsmanns wahres Problem ist allerdings, dass sich die besten Spieler des FC Bayern in medizinischer Behandlung befinden. Rekonvaleszent Franck Ribery und Luca Toni, der in Dortmund sein Comeback gab, machten in der Vorsaison im nationalen Vergleich den entscheidenden Unterschied aus. Ohne die millionenschweren Investitionen wären die Münchner nicht einmal in Deutschland die herausragende Mannschaft gewesen, international verpasste der Klub selbst mit Ribery und Toni das Uefa-Cup-Endspiel. Aus dieser Erfahrung heraus haben die beiden Top-Spieler der Bayern ihren Arbeitgeber öffentlich vernehmbar aufgefordert, weitere Stars einzukaufen. Doch die Vereinsführung um Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge vertraut allein darauf, dass Klinsmann, wie angekündigt, jeden bereits anwesenden Spieler besser macht. Doch das wird seine Zeit benötigen. Der Torjäger a.D. Miroslav Klose und der Gelb-Rot-süchtige Kapitän Mark van Bommel allerdings sind akute Notfälle.

Borowski wie einst Effenberg

Meinungsmacher Franz Beckenbauer hat jetzt schon die Geduld verloren. "Wir machen immer wieder die alten Fehler. Abwehrfehler, Stellungsfehler – das zieht sich jetzt schon über Jahre", zürnte Klubpräsident nach der Partie in Dortmund über die Aussetzer im Defensivspiel, die schon Klinsmann Vorgänger Felix Magath und Ottmar Hitzfeld der Elf nicht austreiben konnten. Wegen Verletzung fehlt mit Martin Demichelis momentan auch noch der beste Verteidiger der Mannschaft. Von daher muss sich Klinsmann sogar freuen, in dieser Saison noch unbesiegt zu sein.

Den Ausgleichstreffer in Dortmund erzielte ausgerechnet der für Klose eingewechselte Tim Borowski, der einzige Feldspieler, den die Bayern dem neuen Trainer spendierten. Die grimmige, an Stefan Effenberg erinnernde Art, wie der für gewöhnlich unterkühlte Borowski sein Tor zelebrierte und dabei die Mannschaftskollegen aufputschte, deutet nach knapp zwei Monaten Amtszeit auf einen ersten Erfolg der Klinsmannschen Erziehung zu einem besseren Fußballer hin. Wenn alles gut geht, wird Bayern München seine Titel erfolgreich verteidigen. Um aber die Champions League zu gewinnen, benötigt die Mannschaft ein paar neue Top-Spieler.

Wenn Klinsmann ein Wundermann wäre, hätte Deutschland vor zwei Jahren den WM-Titel gewonnen.