Der RTL-Boxenexperte Niki Lauda war nach der Schwergewichts-Weltmeisterschaft in der Nacht zum Sonntag so bitter enttäuscht, dass er um ein Haar sein Eintrittsgeld zurückverlangt hätte. Jedenfalls hat er vor Samuel Peter nicht sein Kapperl gezogen, sondern respektlos und fast empört die Frage gestellt: Darf ein Weltmeister nach acht Runden einfach kneifen und hocken bleiben auf seinem Schemel?

Wenn wir den raschen Wiener salopp interpretieren, hält er den Nigerianer für einen erbärmlichen Gesundheitsfanatiker ohne Schneid, und die alte Schicksalsfrage im Schwergewicht – Wann sollte ein Boxer aufhören? – stellt sich in dem Fall ganz anders: Wann darf ein Boxer aufgeben? Samuel Peters Antwort: Im schlimmsten Fall spätestens nach der achten Runde – auf jeden Fall aber, solange der Boxer seinen Namen noch schreiben kann und nicht will, dass er für den Rest seines Lebens künstlich ernährt werden muss, oder mit Hilfe der Schnabeltasse. Peter ist nicht mehr Weltmeister, aber er hat überlebt.
Mehr war Weißgott nicht für ihn drin gegen diesen Witali Klitschko alias „Doktor Eisenfaust“, und deshalb erklären wir zum zweitgrößten Sieger des denkwürdigen Abends diesen geistesgegenwärtigen Verlierer, der selbst im unaufhörlichen Trommelfeuer aus linken Jabs und rechten Hieben noch klaren Kopf bewahrt und kapiert hat, dass die Sachlage aussichtslos war: Jede Runde hatte er haushoch verloren und Klitschko keinen einzigen nennenswerten Schlag verabreicht, sondern selbst acht Runden lang Dresche bezogen und seinen Kampfnamen „The Nigerian Nightmare“ am eigenen Leib verspürt – im Rahmen dieses afrikanischen Albtraums, hat uns der fürs Klingeln im Kopf zuständige RTL-Experte Luan Krasniqi hinterher verraten, wird Peter diese Woche noch einige schlaflose Nächte verbringen. Luan hat mitgelitten. Auch er wäre hocken geblieben.

Nur Lauda nicht. Oder doch? Der alte Niki hat sich da etwas zu scharf in die Haarnadelkurve gelegt. Denn er muss sich doch in jenen Grenzbereich, in dem Samuel Peter partout nicht mehr wollte, halbwegs hineindenken können.

Lauda überlebte 1976 wie durch ein Wunder

Schließlich hat auch Lauda schon einmal den Kopf im Ring hingehalten, in dem Fall im Nürburgring. Nie vergessen wir die Bilder, wie er am ersten Sonntag im August 1976 mit seinem Ferrari am Bergwerk bei Tempo 240 plötzlich nach rechts ausbrach, in die Fangzäune raste, gegen die Böschung knallte und sich „Bild“ nach dem flammenden Inferno erschüttert fragte: „Mein Gott, wo ist sein Gesicht?“

Wie durch ein Wunder hat Lauda überlebt, und im letzten Saisonrennen, in Fuji, führte er in der WM-Wertung immer noch. Doch es regnete. Er gab auf. Kampflos verlor er den WM-Titel an James Hunt. „Feigling“, hieß es. Dabei war er in Wahrheit nur das Gegenteil eines Idioten. Nur ein Idiot wittert Gefahr nicht.
Lauda war damals so alt wie Samuel Peter heute und hat sich gesagt: Ich erspare mir das Risiko der Grabrede – lieber soll die Sportwelt eines Tages den Lauda mittels einer Laudatio dafür loben, dass er nicht so hirnverbrannt war, im falschen Moment weiter den Kopf hinzuhalten. Lauda ist später wieder Weltmeister geworden.

Und er lebt.

Warum spielt er jetzt den harten Hund? Peter gehört gelobt. Denn seine Entscheidung, den aussichtslosen Kampf aufzugeben, war schwierig und mutig.

Die ganze Welt hat zugeschaut, in 111 Länder ist übertragen worden, nicht zuletzt nach Nigeria, wo er einen Ruf als Volksheld zu verlieren hat – nein, so eine Aufgabe wird nicht gern gesehen. Bleiben Sie gesund, rät uns zwar scheinheilig jeder TV-Talkmaster nach seiner Show, aber von den Boxern wird im Rahmen der Show erwartet, dass sie sich auf die Schlachtbank führen lassen. Haben nicht etliche Sensationslüsterne unter den 14.000 Berlinern am Samstag am Ende gepfiffen, weil sie sich geprellt fühlten um diesen teuflischen Thrill?

Zu viele Schläge mit dem Kinn abgeblockt

Boxer waren schon immer flankiert von guten Ratgebern, geschäftstüchtigen Promotern, falschen Freunden oder blutrünstigen Zuschauern, die alles dafür tun, dass so ein armer Kerl den einen berühmten, berüchtigten Kampf zuviel macht. Oder eine Runde zuviel.?

Deshalb ist das Buch des Boxens so voll mit tragischen Helden und ehemaligen Schwergewichts-Weltmeistern, die vor lauter Tapferkeit irgendwann vergessen haben, rechtzeitig aufzugeben. Auch Samuel Peter hat in der Nacht zum Sonntag zu viele Schläge, weil er sie nicht mehr kommen sah, der Einfachheit halber mit dem Kinn abgeblockt. Seine Reflexe haben ihn im Stich gelassen – aber wenigstens hat sein Selbsterhaltungstrieb noch gut genug funktioniert, um ihm vor der neunten Runde auf dem Schemel die alte Soldatenweisheit ins geprügelte Hirn zu hämmern: Lieber fünf Minuten lang feige als ein Leben lang tot.

Punkt 23.59 Uhr hat Peter aufgegeben. Da wollte einer nach den sinnlos erduldeten Schmerzen des Samstags nicht auch noch in den Sonntag hinein mit dem Spätfolgenrisiko der geistigen Umnachtung verdroschen werden. Als Lohn hat er danach auf den eigenen Beinen aus dem Ring klettern können, ohne blutige Gehirnquetschung, ausgefranste Blumenkohlohren oder die Angst, einem plastischen Chirurgen unters Messer zu fallen.

Spätestens an der Stelle müsste Niki Lauda neidisch zugeben, dass Samuel Peter alles richtig gemacht hat.