Morgenpost Online: Bislang dürften Ihre Erwartungen an das Rennen noch nicht erfüllt sein, oder, Herr Holczer?

Hans-Michael Holczer: Es lief eigentlich, abgesehen vom ersten Tag, nicht anders, als wir es uns ausgerechnet haben. Am dritten Tag hätte ich es gern gesehen, wenn einer meiner Fahrer in der Gruppe gewesen wäre, die am Ende durchkam. Aber das wünschen sich 15 meiner Managerkollegen eben auch.

Morgenpost Online: Angesichts der ständigen Dopingquerelen pflegen Sie zu sagen: Der Radsport zerstört sich mit der Konsequenz eines Selbstmörders. Sie suchen derzeit noch immer nach einem neuen Hauptsponsor. Haben Ihnen, um im Bild zu bleiben, die „Selbstmörder“ die Geschäftsgrundlage zerbombt?
Holczer: Es ist ja noch nicht vorbei. Aber vielleicht sind wir am Ende die Leidtragenden dieser Entwicklung, ja. Ich sage Ihnen etwas: Ich kann vor lauter Schulterklopfen bei dieser Tour kaum noch aufrecht gehen, bekomme Anerkennung von vielen Seiten, weil man mein ehrliches Bemühen und meine Kompetenz anerkennt. Aber was habe ich davon? Nichts.
Morgenpost Online: Vielleicht gibt es ein bisschen Mut für die nächsten Wochen.
Holczer: Das Schwierige momentan ist, dass kein Angestellter der Mannschaft wirklich weg will. Keiner kann sich so recht vorstellen, woanders zu arbeiten. Einer vom Personal sagte erst heute zu mir: „Hans, wenn ich jetzt woanders unterschreibe und es geht doch weiter bei Dir, beiße ich mir in den Hintern.“ Das ist eine eigenartige Situation.

Morgenpost Online: Wird Ihre gut zehn Jahre lange und erfolgreiche Geschichte mit Gerolsteiner am Ende eine Märtyrer-Geschichte werden?

Holczer: Bloß nicht. Wir werden Kult! Andere werden sich noch lange anstrengen müssen, bis sie dort anlangen, wo wir jetzt sind. Wenn sich das Produkt, das wir kreiert haben, nicht verkaufen lässt, weil wir es im falschen Moment verkaufen müssen – nämlich jetzt, 2008 –, dann muss ich das akzeptieren. So schwer es mir fällt, so leid es mir tut, und so viele mir immer noch auf die Schulter klopfen werden.

Morgenpost Online: Andere Mannschaften graben bereits Ihre Fahrer an. Wie finden Sie das?

Holczer: Kein Wunder, das Team Gerolsteiner ist aus verschiedenen Gründen schließlich ein Filetstück. Jeder wir versuchen, sich daran zu bereichern. Noch ist es, Gott sei Dank, nicht so weit. Doch ich würde lügen, wenn ich sage, ich hätte mich im vergangenen Dreivierteljahr nicht mit einem Aus für das Team auseinandergesetzt.

Morgenpost Online: 2009 sind ansonsten ja wieder Wahlen im Rad-Weltverband. Wie wäre es dann mit einem eloquenten Schwaben als UCI-Präsident, sollten Sie Ihr Team tatsächlich aufgeben müssen?

Holczer (lacht schallend): Sie sind nicht der erste, der das fragt. Aber so was kann ich ebenso ausschließen wie eine Kandidatur um das Präsidentenamt im Bund Deutscher Radfahrer. Soll ich Ihnen was sagen? Ich habe noch keinen blassen Schimmer, wie meine berufliche womöglich aussehen wird im Falle eines Scheiterns unserer Bemühungen.

Morgenpost Online: Nach den Skandalen der Vorjahre ist 2008, Sie erwähnten es, nicht gerade ein günstiges Jahr, um das Produkt Radsport anzupreisen. Nun hatte die Tour nach Meinung vieler gleich am ersten Renntag einen Rückschlag zu verkraften: Alejandro Valverde, in der Dopingaffäre „Operacion Puerto“ belasteter Spanier, übernahm das Gelbe Trikot. Sind Sie besorgt?

Holczer: In dieser Causa muss man Realist sein. Und die Realität zeigt, dass ganze Felder ehemaliger und vermeintlicher Top-Fahrer nicht mehr auf dem Rad sitzen – in Deutschland etwa eine halbe Nationalmannschaft mit Ullrich, Sinkewitz, Kessler, Jaksche. Was machen Winokurow, Kaschetschkin, Rasmussen und Basso derzeit? Und wo fährt heute ein Mancebo? Wo ein Botero, ein Heras, ein Sevilla? Nicht mehr dort, wo es Geld gibt, sondern dort, wo man noch ein bisschen die Beine bewegt, weil man etwas anderes nicht mehr machen möchte. Wo fährt ein Petacchi, ein Simoni, ein Di Luca, ein Garzelli? Alle nicht mehr in der ersten Liga. Ich denke, das ist ein Erdrutsch, den niemand je erwartet hat. Honoriert wird er jedoch nicht, weil in verbliebenen Reizgrößen wie Valverde ebenso wie Alberto Contador (mutmaßlich in den „Puerto“-Skandal verstrickter Vorjahres-Toursieger, d. Red.) stets nur das Negative gesucht wird.

Morgenpost Online: Freude kann es Ihnen aber dennoch nicht machen, wenn der arg belastete Valverde das Gelbe Trikot spazieren fährt.

Holczer: Darum geht es nicht. Dass Valverde in diesem Sport noch tätig ist – wenn er denn wirklich betrogen haben sollte –, ist letztlich ein grober Fehler oder eine Schweinerei der spanischen Behörden. Man sollte tunlichst nicht von uns als Sportmannschaften erwarten, dass wir deren Fehler bereinigen. Wir haben verdammt viel getan, um dem Problem Doping Herr zu werden (schaut grimmig). Ich möchte einfach, dass man konstatiert: Im Radsport ist etwas passiert.

Morgenpost Online: Die entscheidende Frage ist: War das schon genug?

Holczer: Bei allem fanatischen Kampf gegen Doping müssen wir uns auch rechtlichen Grenzen unterwerfen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir das Urteil des Obersten Sportgerichtshofs Cas zu Valverde nicht akzeptierten (der Spanier klagte im Herbst 2007 sein WM-Startrecht ein, d.Red.)? Wir haben bereits aufgeräumt. Aber das will keiner sehen. Was sollen wir denn noch tun?

Morgenpost Online: Mit Blick auf die stete öffentliche Kritik: Glauben Sie an ein pathologisch-deutsches Problem?


Holczer: Viele deutsche Medien sind infolge der Ereignisse der vergangenen Jahre tief gekränkt, denke ich. Wie oft habe ich mir vor Jahren bei der Tour sagen lassen müssen: Ihr fahrt ja schon wieder hinterher, Ihr Möchtegerns und Gernegroß, schaut mal, das ist die Tour. Wenn man nun im Nachhinein weiß, warum die anderen uns davon gefahren sind, sind alle schlauer.