Die Reaktion war nicht unbedingt zu erwarten gewesen, aber an der Weser verzeihen sie Fehltritte offenbar schneller als anderswo in der Republik. Als Werder Bremens Spielgestalter Diego jedenfalls am Dienstagmorgen, 09:32 Uhr, die Kabine im Stadion betrat, empfing ihn warmer Beifall, seine Kollegen standen Spalier, um ihm zum Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Peking zu beglückwünschen. Dabei dürfte Diegos Mission in Asien die Bremer einige Punkte in der Bundesliga gekostet haben.
Vor fünf Wochen war der Brasilianer zum Turnier nach China aufgebrochen – am Montagabend schwebte er 20.10 Uhr mit einer Lufthansa-Maschine aus München am Airport Bremen wieder in der Hansestadt ein. „Alle Spieler haben geklatscht und ihm gratuliert“, erzählte Hugo Almeida, Bremens portugiesischer Stürmer, der Diegos Sonderstellung im Team so beschreibt: „Ich bin froh, dass er wieder da ist. Diego ist mein Freund, und wir brauchen ihn, weil er enorm wichtig für unser Spiel ist.“
Die anschließende, 65-minütige Übunggseinheit auf Übungsplatz fünf am Weserstadion absolvierte der 23-jährige Brasilianer deutlich engagierter als noch das Trainingslager auf der Nordseeinsel Norderney Mitte Juli, wo Diego seine schlechte Laune nur allzu offen gezeigt hatte. Am Tag, als die Bremer auf das Eiland gereist waren, hatte ihm Werder-Sportdirektor Klaus Allofs zunächst die Olympiateilnahme untersagt – Diego reiste dennoch am 22. Juli ohne die Einwilligung seines Arbeitgebers mit seinem Nationalteam nach China.
"Positives Fazit"
Zwei Wochen später gab der Internationale Sportgerichtshof Cas zwar den Norddeutschen Recht und befand, dass sie Diego sowie den serbischen Verteidiger Dusko Tosic nicht abstellen müssen – die Hanseaten pochten aber dennoch nicht auf die Rückkehr ihrer Kicker. „Ich bin deshalb Werder für alles dankbar, was der Klub in den vergangenen Jahren für mich getan haben“, sagte Diego bei einer extra einberufenen Pressekonferenz am Dienstagnachmittag artig.
90 Minuten vorher war aber deutlich geworden, dass der Brasilianer in den vergangenen acht Wochen nur insgesamt sieben Tage bei der Mannschaft verbracht hatte. Zwar versuchte Diego beim 37-minütigen Trainingsmatch im Mittelfeld die Rolle des Spielgestalters an sich zu reißen, aber die Reisestrapazen sowie sein Programm von acht Spielen binnen 26 Tagen gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Einige Pässe kamen nicht an, und nach einigen Sprints schnaufte der Südamerikaner sichtbar durch. „Ich bin zwar 100-prozentig fit, aber ich wäre lieber nicht so lange von Peking nach Bremen geflogen. Natürlich spüre ich noch die Zeitumstellung, denn ich bin tagsüber etwas müde.“
Trotzdem zählt die Olympiateilnahme für den Südamerikaner zu den Höhepunkten seiner Karriere. „Es war wunderbar in China, und ich bin froh, dabei gewesen zu sein. Den olympischen Geist kann ich nicht beschreiben, weil jeder ihn selbst erleben muss. Die Atmosphäre dort war ansteckend.“ Zwar war das Ausscheiden im Halbfinale gegen den Erzrivalen Argentinier bitter, aber Diegos Chancen für eine Zukunft in der Nationalmannschaft verbesserte sich durch die Teilnahme immens. „Ich habe meine Leistung gebracht, deshalb ist mein persönliches Fazit sehr positiv.“
Reisestress geht weiter
Nun gilt es für den Spielgestalter, auch im Klub diese Leistung zu bestätigen, um Werders holprigen Saisonstart mit nur zwei Punkten aus zwei Partien zu verbessern. Die beiden ersten Spiele in Bielefeld und gegen Schalke 04 verfolgte Diego noch im Internet; zum Duell bei Borussia Mönchengladbach am Samstag will er von Beginn an auflaufen. „Ich habe ein klares Ziel, und das ist die Deutsche Meisterschaft“, kündigte er an. „Mit einem anderen Ziel könnte ich gar nicht in die Saison gehen.“ Insbesondere die Verpflichtung des peruanischen Nationalspielers Claudio Pizarro vom FC Chelsea soll bei der Umsetzung des hehren Vorhabens helfen. „Sein Kauf war enorm wichtig“, sagte Diego, „denn Claudio ist einer der besten Stürmer Deutschlands. Er wird uns weiterhelfen.“
Den nächsten Jetlag hat Diego allerdings direkt nach dem Abpfiff in Mönchengladbach wieder vor Augen, wenn er am kommenden Sonntag in seine Heimat zur Nationalmannschaft reist. Dort stehen mit den Partien in Chile (7. September) sowie gegen Bolivien (10. September) zwei WM-Qualifikationsbegegnungen an.
Für Werder-Manager Allofs ist der Reisestress mittlerweile ein nicht zu verhinderndes Übel. „Natürlich wäre es uns lieber, dass Diego in Bremen bleibt und mal durchpusten würde. Aber mit diesen Dingen haben wir uns abgefunden, weil wir sie eh nicht ändern können“, sagte er. „Wir konzentrieren uns lieber auf unsere Saisonziele.“


