Hertha BSC

Dieter Hoeneß beendet Trainer Favres Schonzeit

Nach Rang zehn in der Vorsaison soll Trainer Lucien Favre Hertha BSC auf einen der vorderen Plätze führen. „Favre weiß, dass die Erwartung an ihn und die Mannschaft nun eine andere ist. Die Öffentlichkeit hatte ein Übergangsjahr akzeptiert, doch dieses ist nun vorüber", sagt Manager Dieter Hoeneß.

Foto: rj hak / DPA

Laut hallen die Kommandos von Lucien Favre über den Trainingsplatz. Der Trainer von Hertha BSC wird seinem Ruf im Trainingslager des Berliner Fußball-Bundesligisten vollauf gerecht: Gnadenlos scheucht er seine Spieler trotz hoher Temperaturen in Österreich über den Rasen. Und obwohl Favre seine Spieler stets siezt, teilt er ihnen unmissverständlich mit, was er von ihnen erwartet. „Da muss man auch mal einstecken können“, sagt Verteidiger Sofian Chahed.

Aus der Schweiz kam Favre vom FC Zürich als zweifacher Meistertrainer. Nach einer ersten Saison in Berlin ohne große Erwartungen spürt Favre nun zunehmend Druck. Den Tabellen-Zehnten der Vorsaison soll er ins internationale Geschäft führen. So hat es Dieter Hoeneß in einem Drei-Stufen-Plan bis 2010 formuliert. In der kommenden Saison soll der Uefa-Cup erreicht werden, 2009/10 ist die Champions League das Ziel. „Favre weiß, dass die Erwartung an ihn und die Mannschaft nun eine andere ist. Die Öffentlichkeit hatte ein Übergangsjahr akzeptiert, doch dieses ist nun vorüber“, sagt der Manager.

In der Verantwortung stehen jedoch nicht nur Trainer und Mannschaft, sondern auch der Manager. Hoeneß, dessen Amtszeit in Berlin 2010 endet, hatte sich im vergangenen Sommer mutig für das sogenannte Schweizer Experiment mit Favre entschieden. Der Trainer steht dafür, mit seinem Blick für Spieler und attraktiven Fußball auch finanziell unterlegene Vereine zu Erfolgen führen zu können. Dazu leitete Favre einen Umbruch ein. Im vergangenen Jahr gingen 17 Spieler, zwölf kamen. In diesem Sommer weist Herthas Personalabteilung sieben Wochen vor Ende der Transferfrist bereits je acht Ab- und Zugänge aus. Außerdem setzte Favre durch, dass mit Sascha Bigalke und Florian Riedel (beide 18) sowie Shervin Radjabali-Fardi und Lennart Hartmann (beide 17) vier Junioren-Nationalspieler aus dem eigenen Nachwuchs zumindest die Vorbereitung mit den Profis bestreiten.

Hoeneß sucht in Brasilien nach Verstärkungen

Trotzdem wissen Hoeneß und Favre, dass Hertha BSC mit dem aktuellen Kader den Sprung ins obere Drittel der Liga nicht schaffen wird. Zumal sich die Berliner durch den Gewinn der nationalen Fairplay-Wertung noch für den Uefa-Cup qualifizieren können. Zwei Zusatzrunden müssen dazu überstanden werden, in der ersten geht es bereits am 17. und 31. Juli gegen Nistru Otaci aus Moldawien. Die Dreifachbelastung aus Liga, Pokal und womöglich Uefa-Cup erfordert neben ausreichender Quantität auch einiges mehr an Qualität.

Auf der Suche danach hält sich Hoeneß derzeit in Brasilien auf. In der vergangenen Saison hatte Hertha nur 39 Treffer erzielt, nicht erst seitdem hat Hoeneß erkannt: „Wir brauchen mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld.“ Der Manager verhandelt um Jorge Valdivia (24), den Spielmacher von Palmeiras Sao Paulo, sowie um Cicero (23), einen torgefährlichen Mittelfeldspieler von Fluminense Rio de Janeiro. Zudem soll für den Sturm der Tunesier Mohamed Chermiti kommen.

Die Verpflichtungen werden für die Berliner zum Rechenspiel. Rund sechs Millionen Euro hat der Klub noch in der Transfer-Kasse. Chermiti soll 2,5 Millionen kosten. Der Marktwert von Valdivia wird auf sechs Millionen taxiert, der von Cicero auf die Hälfte. Favre weiß um die begrenzten Möglichkeiten in Berlin. Diese Realität entgeht ihm ebenso wenig wie die zweistelligen Millionen-Beträge, für die beispielsweise Schalke 04, der VfL Wolfsburg oder Aufsteiger Hoffenheim ihre Mannschaften aufrüsten. Favre sagt: „Ich wünsche mir, dass wir in der Liga um einen Uefa-Cup-Platz kämpfen.“ Dann macht er kurze Pause und ergänzt: „Ich habe gesagt: wünschen.“