Was kann ein Mensch innerhalb von zehn Sekunden schaffen? Zum Beispiel das schnellste Tor in der Champions-League-Geschichte schießen wie Roy Makaay am 8. März 2007 für Bayern München. Von 0 auf 100 km/h beschleunigen wie ein Minivan von Mitsubishi. Vom Sofa aufstehen und ein Bier aus dem Kühlschrank holen wie Olympiafans in aller Welt vor dem Fernseher. Oder Geschichte schreiben.

Kaum zehn Sekunden, so kurz nur währt das größte wie simpelste Spektakel der Leichtathletik, die gestern in Peking ihren ersten Wettkampftag erlebte. Acht Männer laufen 100 Meter geradeaus über eine Tartanbahn, 91.000 Stadionbesucher und Hunderte Millionen Fernsehzuschauer weltweit sehen ihnen gebannt dabei zu. Heute Abend, 22.30 Uhr (16.30 Uhr MESZ), geht es in Chinas neu erbautem Nationalstadion um nicht weniger als die Titel Olympiasieger und „Schnellster Mann der Welt“. Und angesichts des rasant auf 9,72 Sekunden verbesserten Weltrekordes wieder einmal auch um die Frage: Wie glaubhaft sind die Muskelmänner, die die Massen elektrisieren?

Ein Trio steht bereit, den Titel unter sich auszumachen. Tyson Gay, der Weltmeister aus den USA, der Anfang Juli vom Wind unterstützt und somit irregulär 9,68 Sekunden erzielt hatte. Asafa Powell aus Jamaika, der in den vergangenen drei Jahren viermal die Weltrekordmarke knackte (zuletzt 9,74). Und Powells Landsmann und Weltrekordhalter Usain Bolt, den sie seit seinem Rekordlauf am 31. Mai in New York „Blitz“ nennen. „Ich bin mir sicher, dass dies die ersten Olympischen Spiele sind, wo drei Läufer mit 9,7er-Zeiten konkurrieren“, frohlockte Gay in Peking. Im Halbfinale wird er heute gleich auf Powell treffen.

"Ich bin nur die ersten 50 Meter gerannt"

Einen Vorgeschmack erhielten die Fans im „Vogelnest“ schon gestern. Am Morgen hatten es die Favoriten noch vergleichsweise gemütlich angehen lassen mit ungefährdeten Vorlaufsiegen, am Abend dann donnerte Bolt unter dem Gejohle aus Abertausenden Kehlen eine erste Kampfansage auf die Bahn. In 9,92 Sekunden war er deutlich der schnellste unter 40 Läufern (Tobias Unger als einziger Deutscher kam als 34. auf 10,36). Powell reichten 10,02, Gay 10,09 Sekunden für den Einzug ins Halbfinale.

„Ich bin nur die ersten 50 Meter gerannt, dann habe ich aufgeschaut und es austrudeln lassen“, behauptete Bolt frech. Mit der Favoritenrolle hat der Schlaks aus der Karibik keine Probleme – mit Dopingkontrolleuren im jamaikanischen Lager schon eher. Asafa Powell maulte über die seiner Meinung nach übertrieben vielen Kontrollen. Viermal hätten sie ihn in den ersten Tagen in Peking getestet, sagte Powell. „Sie nehmen Blut ab. Ich sage, sie nehmen derart viel Blut ab, dass wir ganz schwach sein werden vor dem Finale am Samstag.“ Ob es als Scherz gemeint war, sagte Asafa Powell nicht.

"Es git keine sauberen Olympiasieger"

Dabei weiß auch er: Seit ihre Vorgänger reihenweise als Sportbetrüger aufgeflogen sind, müssen die schnellsten Sprinter der Welt dem Misstrauen des Publikums möglichst oft entgegen wirken. Die Reputation der beliebtesten aller Sprung-, Lauf- und Wurfdisziplinen, und damit auch die der Spiele, hat durch die Skandale der Vergangenheit arg gelitten. So bekam Justin Gatlin, Olympiasieger 2004 in Athen, wegen Dopings eine Vierjahressperre aufgebrummt; Tim Montgomery, Goldgewinner mit der amerikanischen 4x100-Meter-Staffel in Sydney 2000, war Kunde des Drogenlabors Balco. Nur zwei von vielen Beispielen aus der Liste auffällig gewordener Sprinter wie Ben Johnson, Linford Christie und Donovan Bailey.

Ausgerechnet der frühere Balco-Chef Victor Conte brachte erst neulich Jamaikas flinke Männer in Misskredit. „Die schnellsten Männer der Welt kommen von einer Insel“, unkte Victor Conte, „das ist hochverdächtig". Und der Mexikaner Angel Heredia, einst Dopingmittellieferant und jetzt Kronzeuge der amerikanischen Justiz, sagte dem „Spiegel“: „Einen sauberen Olympiasieger werden wir nicht erleben. Nicht einmal einen sauberen Teilnehmer.“

Doch wie auch immer – zehn Sekunden lang wird die Sportwelt heute den Atem anhalten, sie hat es immer noch getan mit einer Mischung aus Faszination und Verwunderung. „Für einen Fan und Kenner der Disziplin wird es der 100-Meter-Lauf mit den drei schnellsten Männern der Geschichte werden“, sagt der frühere Weltklassesprinter Ato Boldon, jetzt Experte beim TV-Sender NBC. „Die Jungs können es gar nicht abwarten zu laufen – und ich auch nicht.“