Wenn das kein Zufall ist. Ausgerechnet am Tag des größten Triumphes von Dayron Robles (21) aus Guantánamo vermeldete Kubas Parteizeitung „Granma“ eine aufsehenerregende Neuigkeit: Eine Reform von Präsident Raul Castro soll künftig Schluss machen mit „unangemessener Gleichmacherei“, das kommunistische Land will leistungsgerechte Löhne für seine Staatsangestellten einführen.

Leistungsgerechter Lohn. Wie hoch fiele der wohl aus für den jungen Hürdensprinter Robles, der am Donnerstag zum Weltrekord über die 110-Meter-Distanz sprintete und seinem Staat so irgendwie ja auch dient – als Repräsentant für ein Kuba, das sich dem Westen mehr und mehr öffnet.

In 12,87 Sekunden unterbot Robles beim Grand-Prix-Meeting in Ostrau/Tschechien die zwei Jahre alte Bestmarke von Liu Xiang um eine Hundertstelsekunde. „Ich kann nicht erklären, ob es das perfekte Rennen war“, sagte er hinterher, „aber ich denke, ich kann schneller laufen.“ Es klang wie eine Drohung, und vor allem Chinas Superstar muss sie ernst nehmen.
Lius Projekt Gold bei den Olympischen Spielen in Peking (8. bis 24. August) ist spätestens seit Ostrau akut gefährdet. „Von Dayron geht große Gefahr aus, weil er das meiste versteckte Potenzial hat“, schwante dem Olympiasieger, dessen Saisonbestzeit nur bei 13,18 Sekunden steht, gelaufen Ende Mai im Olympiastadion von Peking, wo ihn seine euphorischen Landsleute im Hürden-Finale am 21. August unbedingt siegen sehen wollen. Alles andere jedenfalls wäre ein Desaster.

Zuletzt gleichwohl schlug sich Liu mit Muskelproblemen herum, in Eugene/USA wurde er vergangenen Sonntag nach einem Fehlstart disqualifiziert. Dayron Robles Rennen in Tschechien sei nun „sicherlich eine Art Motivation für Liu und mich“, versicherte der Trainer des Chinesen, Sun Haiping. „Sport ist Wettbewerb. Jetzt müssen wir uns wieder verbessern. Liu Xiang wird nie seine Zuversicht verlieren wegen eines neuen Weltrekords.“ Nachdenklich machen muss ihn die Konkurrenz schon.

Optimale Bedingungen in Ostrau

Denn aus dem als Juwel gepriesenen 1,92-Meter-Mann aus dem Osten Kubas scheint zunehmend ein funkelnder Diamant zu werden. Wie Brillenträger Robles mit raumgreifenden Schritten über die Hürden jagt, das weckt Bewunderung. Der Deutsche Thomas Blaschek („Die Bahn in Ostrau ist schnell, es herrschten optimale Bedingungen“) blieb in persönlicher Saisonbestzeit von 13,49 Sekunden als Sechster nur Statist, er sprach von einem „denkwürdigen Lauf“. Blaschek warnte aber gleichzeitig: „Die Kunst ist, die Form in zwei Monaten zu haben. Bei Olympia guckt keiner mehr auf Ostrau.“

Auf den Weltmeister Liu und seinen stärksten Herausforderer dafür umso mehr, zumal in Peking die spannende Frage sein wird, wer die besseren Nerven hat: Liu, von dem Hunderte Millionen Chinesen Gold erwarten? Oder Robles, der in seiner noch jungen Karriere schon öfters als unsicherer Kantonist aufgefallen ist. Etwa, als er bei der Hallen-WM in Valencia vergangenen Winter als Top-Favorit im Irrglauben eines Fehlstarts abbremste – und ihm die Konkurrenten erfreut enteilten.

Liu, glaubt nun Weltrekordler Robles, benötige keine extra Motivation durch ihn: „Die Olympischen Spiele sind in China und er ist der Olympiasieger.“ Welchen Lohn wird der junge Botschafter Kubas wohl in Peking ernten?

sid/fb