Jürgen Klopp gehört zu der Gattung von Menschen, die keinen Urlaub brauchen, weil sie ihren Job nicht als Arbeit, sondern als eine Berufung aus Leidenschaft begreifen. „Ich freue mich, dass die Zeit vorbei ist, in der ich nur über Fußball geredet habe“, sagte der neue Trainer von Borussia Dortmund, der nur wenige Tage nach Beendigung seiner Expertentätigkeit für das ZDF bei der Europameisterschaft am Mittwoch seinen ersten Arbeitstag beim BVB absolvierte.

Klopp wurde gleich als Hoffnungsträger im Hinblick auf eine bessere Zukunft empfangen. Über 9000 Fans waren zur ersten Übungseinheit erschienen, die wegen des großen Andrangs extra ins Dortmunder Stadion verlegt worden war. Als Klopp und die sieben Zugänge 15.00 Uhr den Rasen betraten, wurden sie mit lang anhaltendem Beifall begrüßt. Anschließend gab es „Jürgen Klopp“-Rufe.


Der 40-Jährige, der vor einem Monat einen Zwei-Jahres-Vertrag unterzeichnet hatte, zeigte sich von dem enthusiastischen Empfang begeistert. „Ich wohne noch gegenüber der Geschäftsstelle im Hotel“, sagte der früherer Mainzer: „Und wenn ich die Schlangen von Menschen sehe, die in der prallen Sonne für eine Dauerkarte anstehen, dann spüre ich, dass meine Verantwortung von Tag zu Tag größer wird.“

Aufbruchsstimmung beim BVB

Es herrscht trotz der schwachen vergangenen Saison, die mit dem enttäuschenden 13. Platz abgeschlossen wurde, Aufbruchstimmung. Entlang der quer durch Dortmund verlaufenden Bundesstraße 1 sind großflächige Plakate aufgestellt worden, auf denen ein gewinnend lächelnder Klopp mit einer überdimensionalen Dauerkarte unter dem Arm zu sehen ist. „Neuer Trainer – neue Karte“ ist darauf zu lesen. Und: „Du erreichst den Uefa-Pokal in 1909 Metern.“

Die Kampagne scheint erfolgreich zu sein: Heute wird voraussichtlich das 44.444 Saisonticket verkauft. Insgeheim wird mit über 50.000 verkauften Dauerkarten gerechnet. Das Lockmittel „Uefa-Cup“ hatte Klopps Vorgänger Thomas Doll dem Verein, der sich durch das Erreichen des DFB-Pokalfinales erstmals nach fünfjähriger Abstinenz wieder international spielen darf, noch als Abschiedsgeschenk hinterlassen. Genutzt hat Doll dies wenig, weil bei den Dortmunder Fans seit dem bislang letzten Meistertitel 2002 fast schon traditionell die Ansprüche größer sind als das Leistungsvermögen der Mannschaft.


Um diese Diskrepanz weiß auch Klopp, der deshalb versuchte, die durch ihn ausgelöste Euphorie zu bremsen. Der Klub gehe ohne öffentlich formuliertes Saisonziel in die Spielzeit. „Wir werden mit Leidenschaft an die Sache herangehen und versuchen, diese extrem positive Stimmung mit in die Saison zu nehmen“, sagte er.

"Alles aus uns raus holen"

Mittwochmittag, bei einem gemeinsamen Essen mit seiner Mannschaft, habe er in viele „hellwache, hoch motivierte Augen“ geschaut und sei dabei zur Erkenntnis gelangt, dass „die Jungs eine bessere Saison spielen wollen als die vergangene“. Solche Sätze könne ihm zwar als Populismus ausgelegt werden, so Jürgen Klopp, doch das ändere nichts daran, dass er davon überzeugt sei: „Ich verspreche, dass wir alles aus uns raus holen, was wir drauf haben.“

Dies mag im Profialltag selbstverständlich sein, aber wenn der eloquente Jürgen Klopp so etwas formuliert, wirkt das aussagekräftiger, als wenn es der rhetorisch limitierte Thomas Doll formuliert hätte. Der hatte sich genau vor einem Jahr ähnlich geäußert und dafür wenig Verständnis geerntet.

Dabei liegt ohnehin auf der Hand, dass die Dortmunder über kurz oder lang wieder in die Spitzengruppe der Bundesliga vorstoßen wollen. „Ich habe schon vor zwei Jahren gesagt, dass wir im Zeitraum von 2008 bis 2011 wieder auf Augenhöhe mit Klubs wie Hamburg, Stuttgart, Bremen und anderen sein wollen“, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: „Wir wollen dem Trainer und der Mannschaft Zeit geben.“

Auf der Suche nach günstiger Weltklasse

Möglicherweise wird Klopp jedoch außer Tamas Hajnal (Mittelfeld/Karlsruhe), Felipe Santana (Abwehr/Figueirense), Neven Subotic (Abwehr/Mainz), Patrick Owomoyela (Abwehr/Bremen) und dem aus Rotterdam zurückgekehrten Nuri Sahin (Mittelfeld) noch einen weiteren namhaften Zugang bekommen. „Wir schauen speziell im Mittelfeldbereich“, so der Trainer. Das Anforderungsprofil, scherzte er, solle „Weltklasse, aber günstig“ sein.

Die finanziellen Mittel für weitere Investitionen hätten die Dortmunder durchaus zur Verfügung. Watzke konnte gestern verkünden, dass der ursprünglich noch bis 2011 laufende und mit jährlich mit etwa 4,5 Millionen Euro dotierte Vertrag mit der Signal-Iduna-Versicherung, dem Namenspatron des Stadions, vorzeitig bis 2016 verlängert worden ist. Noch eine gute Nachricht.