Der Applaus von 17.000 Zuschauern donnert durch das National Aquatic Center, als Nicole Hetzer ganz oben unter dem Hallendach des Water Cube sitzt und in Freudentränen ausbricht: „Wie kann man nur so stark sein“, stammelt die hübsche Schwimmerin und ringt minutenlang um Fassung. Das ganze Jahr über hatte sie mit Britta Steffen in Berlin zusammen trainiert, und nun ist ihre Trainingskollegin da unten im Rampenlicht tatsächlich Olympiasiegerin über 100 Meter Freistil geworden. Und zwar in einem Moment, in dem fast jeder daran glaubte, die deutschen Schwimmer würden ja doch wieder nur eine weitere von vielen Enttäuschungen erleben. Aber es kommt alles ganz anders, erstmals seit 1992 gewinnt eine von ihnen wieder eine Goldmedaille. Endlich.
Hetzer selbst hat wegen einer Schulterverletzung ihre Lagenrennen nicht einmal starten können, noch in China hat sie ihr Karriereende verkündet. Und dennoch sollte die 29-Jährige bei diesen Olympischen Spielen noch eine wichtige Rolle spielen – als Seelenbeistand Britta Steffens. Die Schwimmer sind heutzutage ja bis kurz vor dem Rennen immer zu zweit unterwegs, weil sie ihre neuartigen Hightechanzüge nicht allein schließen können, dies wegen der großen Enge auch erst unmittelbar vor dem Start tun. Steffen hat sich Hetzer als Begleitung zum Rennen ihres Lebens ausgewählt, weil schon die Gespräche in den letzten Tagen mit ihr im Athletendorf so angenehm waren und für Ablenkung sorgten.
Ablenkten von den enttäuschten Kollegen, vom durchwachsenen Staffelauftakt, von den wachsenden Selbstzeifeln. Es funktioniert auch diesmal. Und am Ende der quälenden Wartezeit schließt Hetzer nicht nur den Reißverschluss am Badeanzug, sie sperrt auch die falschen Gedanken aus Britta Steffens Kopf. „Niki redete mir ein, nicht Siege oder Rekorde seien bei Olympia wichtig, sondern dass man alles geben will und kämpft. Daraus habe ich unheimlich Kraft geschöpft, denn ich wusste, wenn ich etwas gut kann, dann kämpfen.“
Mit Herzblut und Geist gekämpft
Steffen hat im imposanten Wasserwürfel dann wirklich gekämpft, mit Herzblut und mit Geist. Sie liefert genau im richtigen Moment ein Rennen ab mit geradezu chirurgischer Präzision. Die Konkurrentinnen, allen voran Weltrekordlerin Lisbeth Trickett aus Australien auf der Nebenbahn, schlagen auf der ersten Bahn wie erwartet ein höllisches Tempo an. Steffen will die Frequenz aber nicht so kraftraubend hochjagen, sie konzentriert sich lieber auf den kraftvollen Durchzug und gleichmäßige Abfolge. So wendet sie aber als Letzte nach 26,06 Sekunden, Trickett ist als Erste (25,18) schon fast eine ganze Körperlänge entwischt. Viele Beobachter glauben das Rennen schon verloren. Die zweite Bahn ist zwar Steffens Stärke, das weiß man in der Schwimmwelt, aber was sie dann zeigt, überrascht auch Experten.
Steffen arbeitet sich kontinuierlich nach vorn, bei 70 Metern liegt sie auf der fünften Position, nach 80 Metern sieht es nach Bronze aus, allerhöchstens Silber, denn Trickett ist noch weit weg. Doch Steffens Arme schieben sie weiter unaufhörlich nach vorn. Heran an die Australierin Trickett, die zuvor schon die 100 Meter Schmetterling bestritt und gewann, der nun aber die Kräfte ausgehen. Fünf Meter vor dem Ziel hat Steffen sie eingeholt, sie sieht es nicht einmal. Sie hat die Augen geschlossen, um sich von nichts und niemanden ablenken zu lassen bei ihrer Aufholjagd, sagt sie später. So schafft sie es sogar noch vorbeizuziehen, um vier Hundertstelsekunden liegt die Deutsche am Ende vorn, Natalie Coughlin aus den USA wird mit Landesrekord Dritte.
Warnatzsch: "Die Vollendung meiner Trainerkarriere"
Nach dem Anschlag verharrt Steffen im Wasser, hält zwei Sekunden mit Blick zur Beckenwand inne. Sie fühlt lediglich, dass sie ein gutes Rennen abgeliefert hat, sie weiß aber nicht, was genau dabei herausgekommen ist. „Ich habe mir gesagt, diesen Moment genießt du jetzt, egal was auf der Anzeigetafel steht. Als ich dann die Eins sah, konnte ich es nicht fassen.“
Britta Steffen hat gewonnen. Das ersehnte Gold, dem sie alles untergeordnet hat in den letzten Monaten. Für das sie ihr Studium zurückstellte. Für das sie so viel Ärger bekam, als sie dafür einen Staffelstart absagte. Das Gold, dem so viele andere zuvor vergebens nachgestellt hatten. Auch Franziska van Almsick, die zwar zehn Olympiamedaillen gewinnen konnte in ihrer einzigartigen Karriere, aber nie eine goldene.
Britta Steffen weiß, wie sich van Almsick gefühlt hat damals, als alle von ihr den Sieg erwartet hatten. „Ich habe ein Deja-vu, auch wenn es gar nicht meins ist“, sagte sie vor der Abreise nach China. Aber sie hat den Druck, die Angst verdrängt, und nun gewonnen. „Die Vollendung meiner Trainerkarriere“, jubelt Trainer Norbert Warnatzsch am Beckenrand. Nach Jörg Woithe 1980 hat er nun auch eine Frau zum Olympiasieg geführt.
Die Gefühle fuhren Achterbahn
Als Steffen aus dem Wasser steigt, steht van Almsick schon da, als Fernsehexpertin. Steffen fällt ihr umgehend in den Arm und sagt: „Danke. Ich bin Dir so dankbar“. Almsick hatte sie 2002, als Steffens Karriere in einer Sackgasse zu enden drohte, nach Berlin gelotst zu Trainer Norbert Warnatzsch, Franzi hatte ihr nach dem Karriereende 2004 auch Mentaltrainerin Frederike Janofske überlassen. Sie hatte ihr so letztlich den Weg zu diesem Gold gezeigt. Steffen weiß das. Auch deswegen will sie van Almsick nichts von ihrem Ruhm nehmen. „Franziska stand viel mehr in der Öffentlichkeit. Ich habe daher auch nie so unter Druck gestanden wie sie“, sagt der Blondine.
Doch ohne war der Druck auch bei Steffen nicht, so wie die Gefühle Achterbahn fahren, als die Anspannung bei ihr endlich abfällt. Während der Siegerehrung rauscht offenbar ein Schauer mit Glückshormonen nach dem anderen durch ihren Körper. Sie beginnt die Hymne mitzusingen, weiter als zwei Zeilen kommt sie nicht. Die Unterlippe zittert, sie kämpft mit den Freudentränen. „Zwischen 'Mama, Papa, ich habe s geschafft’ bis 'ich habe es mir selbst bewiesen' waren alle Emotionen dabei“, erzählt Steffen später. Auf der Ehrenrunde wirkt sie wie abwesend, die geschlagene Trickett bewahrt sie immer wieder vor Unfällen, nachdem Steffen über einen Stuhl stolpert und dabei fast ihre Medaille verliert. „Es ist ein Wahnsinnsgefühl. Ich hätte nie gedacht, dass mir diese letzte Durchbruch gelingt. Ich freue mich schon tieririsch auf das Telefonat meinem Freund und meiner Familie“, sagt Steffen. Noch Stunden nach dem Sieg kann sie ihr Glück kaum fassen.
Die Siegesfeier fiel aber aus anderen Gründen aus. Schon wenige Stunden später stand am Abend der Vorlauf über 50 Meter an, bei denen Steffen sich allerdings keine Medaillenchance zutraut, ebenso wenig wie in der Lagenstaffel. „Ohne Gold wäre Britta in der Luft zerrissen worden“, sagt Teamchef Örjan Madsen, „so aber sorgt sie für das Pflaster auf unseren Wunden.“




