Fabian Hambüchen (20) hat die Jugendsprache in der etwas angestaubten Turnwelt hoffähig gemacht. Er turnt entweder „volle Kanne auf Sieg“, und hinterher entfährt ihm wahlweise ein „geil“ oder ein enttäuschtes „Es ist voll in die Hose gegangen“. Das ist frech und gilt als Ausweis seiner Unbekümmertheit.

Im Mehrkampffinale in Peking hat es bei Hambüchen „bums, klatsch gemacht, und ich lag auf dem Boden.“ Übersetzt heißt das: Der deutsche Vorzeigeturner fiel an seinem Paradegerät, dem Reck, von der Stange. Zum zweiten Mal innerhalb von 48 Stunden. Mit der viel gerühmten Unbekümmertheit ist es jetzt erst mal vorbei.

Er betrieb zwar dieselbe Krisenbewältigung wie bei seinem Absturz im Teamwettbewerb, indem er die komplette Übung noch einmal von vorn turnte. Aber diesmal entglitt ihm mit der Nirosta-Stange auch eine Medaille. Hätte er seine Reckkür fehlerfrei durchgeturnt, wäre er mit Silber belohnt worden. So wurde er Siebter. „Hätte, wäre, wenn“, zuckte Wolfgang Hambüchen, Trainer und Vater, angesäuert die Schultern. „Der Konjunktiv ist die Sprache des Verlierens.“ Der 1,63-Meter-Mann aus Wetzlar ließ sich auf die grauen Plastikstühle plumpsen und kämpfte mit den Tränen. Sein Vater versuchte erst gar nicht zu trösten. „Fabi weiß ganz genau, was er falsch gemacht hat.“

Der Wurm ist drin und schon werden üble Erinnerungen an die WM 2006 in Aarhus in ihm geweckt, als er insgesamt dreimal vom Reck krachte. Auch damals offenbarte er Schwächen beim Kolman-Salto, als er wie an diesem Donnerstag an der Stange vorbeigriff und auf die Matte plumpste. Dabei hatte er eigentlich eine sichere Übung gewählt, jene mit dem Ausgangswert 7,1. Die ihn zum Goldkandidaten machen soll, will er erst im Reckfinale am Dienstag zeigen.

Kollektiver Aufschrei des Entsetzens

War es der große Druck, der zur Konzentrationsschwäche führte oder das Publikum, das die chinesischen Athleten mit Kampfgeschrei nach vorn treibt? Die 20.000 Zuschauer im National Indoor Stadium sind jedoch immer fair. Bei Hambüchens Absturz ging ein kollektiver Aufschrei des Entsetzens durch die Halle.

Die Wahrheit liegt wohl in der Weisheit, dass im Turnen der Grat zwischen Perfektion und Pleite besonders schmal ist. Es gibt fünf Geräte, von denen man herunterfallen kann, und am Boden führt schon eine falsche Rotation zumindest zu einem Hinfaller. Wer mit viel Adrenalin zuviel wagt, fällt vorn über, die Vorsichtigen fallen zurück. „Das Risiko kannst du nicht ausschalten“, sagte Bundestrainer Andreas Hirsch. „Und es gilt es immer: Der Solideste gewinnt.“ Auch beim Sprung vorher war Fabian Hambüchen über die Seitenbegrenzung getreten und hatte sich am Barren einen Zwischensprung geleistet. „Es war nicht Fabis Tag“, grummelte Wolfgang Hambüchen.

Fehler werden hart bestraft

Hambüchen junior befand sich damit in bester Gesellschaft. Hiroyuki Tomita, Olympiasieger 2004 mit der japanischen Mannschaft, fiel von den Ringen, Chen Yibing, Vierter der WM aus China patzte am Seitpferd und am Reck, die Russen Sergej Chorochordin und Maxim Dewjatowski standen ihre Überschläge beim Sprung nicht.

Es wächst bei allen Athleten der Druck, die Darbietungen voll zu packen. Damit steigt das Risiko. Denn um unsichere Turner vor allzu Gefährlichem abzuschrecken, werden Fehler hart bestraft. Ein Abzug von 0,8 Punkten zieht ein Sturz vom Gerät nach sich.

Olympiasieger Yang Wei turnte herausragend

Spätestens seit der Einführung des neuen Wertungssystems 2006, mit dem Abschied von der „10“ als Höchstnote genommen wurde, reicht es nicht mehr, ein bestimmtes Bewegungsniveau zu erreichen und dann Wettkampfhärte zu gewinnen. Alle Übungen werden ständig aufgestockt, verbessert, neuen Wertungsvorschriften angepasst. Die Turner können ihre Vorträge an allen Geräten mit noch mehr Schrauben, Griffen und Überschlägen immer noch ein Stück weiter drehen, um die A-Note, die die Schwierigkeit der Übung bemisst, zu erhöhen.

Der neue Mehrkampf-Olympiasieger Yang Wei aus China hat besonders bei den Kraftgeräten Pauschenpferd und Ringe die Konkurrenten in den Staub geschickt. Da machte er gegenüber seinen Widersachern bis zu zwei Punkte gut, und am Ende distanzierte er den zweiten Kohei Uchimura aus Japan und den Franzosen Benoit Caranobe um rund zweieinhalb Punkte. Yang, der in seiner Heimat auf dem Weg zum Superstar ist wie Basketballstar Yao Ming und Hürdenläufer Liu Xiang, hat auch in Deutschland einen neuen Fan: Phillip Boy aus Cottbus, 13. unter 24 Teilnehmern, hielt mit seiner Digitalkamera die Siegerpose des 28-Jährigen auf einem Stuhl stehend fest.

Hambüchen dagegen will sich mit der Zuschauerrolle nicht abgegeben. Er hat noch am Boden, Barren und Reck Medaillenchancen, „und meine Motivation ist ungebrochen“, verspricht er.

Bis zur nächsten Prüfung soll seine Kapselverletzung am kleinen Finger der linken Hand abgeklungen sein. Wohltuend, dass die Hambüchens gar nicht erst den Versuch unternahmen, Ausflüchte zu suchen. Auch wenn er tags zuvor eine Spritze gegen die Schmerzen bekam, sagte Wolfgang Hambüchen, habe ihn „das sicher nicht behindert“.