Wie sich Jürgen Klinsmann und Uli Hoeneß fühlten, stand ihnen buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Der Trainer und der Manager des FC Bayern saßen regungslos auf der Bank, beide schauten ungläubig, manchmal entsetzt und einigermaßen fassungslos zu, wie ihre Spieler in der Erstrundenbegegnung des DFB-Pokals immer wieder vorgeführt wurden. „Wir haben hier ein paar Lektionen bekommen“, sagte Klinsmann nach dem mühsamen 4:3 (2:1) gegen den Drittligaklub FC Rot-Weiß Erfurt und stellte fest: „Es liegt noch viel Arbeit vor uns.“

Van Buyten völlig orientierungslos

Fragt sich nur, wie und ob es den Bayern überhaupt so schnell gelingt, bis zum Bundesligastart am Freitag gegen den Hamburger SV ihr Spiel nachhaltig zu verbessern? In Erfurt offenbarte die Elf von Klinsmann vor allem ein katastrophales Defensivverhalten. Wenn der deutsche Rekordmeister in der Vorwärtsbewegung den Ball verlor, hatte er große Probleme, schnell und sicher von Angriff auf Verteidigung umzuschalten. Es fehlten die Ideen, das Durchsetzungsvermögen, die spielerische Linie.

Zudem agierte in der Defensive auch noch eine Viererkette, in der die Spieler zu oft zu weit weg von ihren Gegner standen. Insbesondere Daniel van Buyten, für den der FC Bayern vor drei Jahren immerhin mal zehn Millionen Euro an den Hamburger SV überwiesen hatte, spielte völlig orientierungslos und wirkte gegen die Erfurter Stürmer überfordert. Gleich bei zwei Gegentreffern war er nicht auf Ballhöhe und hatte das Nachsehen. Rechts verlor Christian Lell das eine oder andere Laufduell, und im Tor wirkte Michael Rensing, der Nachfolger des zurückgetretenen Oliver Kahn, auch nicht immer souverän.

„Wir haben ein paar Fehler zuviel gemacht, vor allem im Defensivverhalten“, sagte Klinsmann. Und selbst der Manager war aufgrund der Abwehrleistung irritiert. „Dass wir den Gegner so zum Toreschießen einladen“, wunderte sich Uli Hoeneß, „hätte ich wirklich nicht gedacht.“ Dreimal waren die Bayern durch Philipp Lahm (6. Minute), Lukas Podolski (23.) und Miroslav Klose (57.) in Führung gegangen. Doch konterten die Erfurter durch Massimo Cannizarro (22.) sowie Albert Bunjaku (47. und 67.). Bis der 19 Jahre alte Mittelfeldspieler Toni Kroos (80.) dann schließlich den Schlusspunkt setzte und die Blamage verhinderte – der FC Bayern wäre als einziger Bundesligaklub in der ersten Runde gescheitert.

Klinsmann blieb ganz cool

Dass die Bayern in Erfurt ohne die verletzten Luca Toni, Franck Ribery, Martin Demichelis, Willy Sagnol, Tim Borowski, und Marcell Jansen sowie die in Peking weilenden Sosa und Breno angetreten waren, wollte später auch niemand als Entschuldigung gelten lassen. Auch dass es seit dem Trainingsauftakt am 1. Juli bislang nur einen freien Tag gab. „Wenn du drei Gegentore kassierst, dann kann etwas nicht gut gelaufen sein“, sagte der neue Kapitän Mark van Bommel und monierte, dass sein Team den Gegner trotz aller Warnungen offenbar nicht richtig ernst genommen habe. Allerdings räumte der Niederländer auch ein: „Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen. Das wird noch zwei, drei Wochen dauern.“

Es scheint, als sei vor allem der Trainer überzeugt davon, dass es dann besser laufen wird. Jedenfalls ließ sich Jürgen Klinsmann in Erfurt die Anspannung nicht anmerken. Er sprach ab und an mit Co-Trainer Martin Vasquez, ging weder zur Seitenlinie, um von außen Einfluss zu nehmen. Er sprang nicht jubelnd auf, und er fluchte auch nicht bei den Gegentoren. Klinsmann schaute einfach zu und machte sich seine Gedanken. „Wir werden die nötigen Schlüsse aus der Partie ziehen und in den kommenden Tagen an uns arbeiten. Aber dass da noch mehr kommen kann und wird, ist auch klar“, sagte er nach seinem Pflichtspieldebüt.

„Gegen Erfurt haben wir die Rechnung für unsere Vorbereitung gezahlt. Die EM-Nachzügler kamen spät zur Mannschaft und haben noch Nachholbedarf, die Spieler, die von Anfang an dabei waren, hatten erst einen Tag frei“, sagte Klinsmann und versprach einen deutlichen Aufwärtstrend: „Bis Ende August, Anfang September werden die Spieler voll im Saft stehen. Bis dahin müssen wir schauen, dass trotzdem die Resultate klappen.“ Das fordert auch Franz Beckenbauer. „Jürgen hat viel auf den Kopf gestellt, jetzt müssen aber auch die Ergebnisse stimmen. Sonst nützen die Veränderungen nichts“, sagte der Klubpräsident dem „Kicker“.